Tonne (4)

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Fortsetzungsgeschichte

Hinweis an die Leserinnen und Leser: Bei dem Text „Tonne“ handelt es sich um eine Erzählung, deren Inhalt frei erfunden ist. Ich habe sie vor einiger Zeit geschrieben und werde sie nun in einzelnen Teilen vorstellen.

Wochen später

Karls Vater

1. Tagebucheintrag (10. Oktober)

Gestern bei Sibylle gewesen. Die Ärzte haben mir wenig Hoffnung gemacht. Schwere Depression lautete ihre Diagnose. Sie weigert sich mit einem Psychologen zu sprechen. In der Klinik halten sie sie für selbstmordgefährdet und stecken sie in eine geschlossene Abteilung bis sie bereit ist sich einer Therapie zu unterziehen. Sie behandeln sie mit Medikamenten, stellten sie ruhig, machten sie müde, sagten, Schlaf wäre gut, würde ihr helfen.
Sie war mir so fremd geworden. Kann ein Mensch sich so schnell verändern? Ich weiß nicht, ob sie mich wirklich erkannt hat in ihrer künstlichen Schläfrigkeit.
Ich habe ihr erzählt, immer wieder, wie notwendig wir sie brauchen, wie sie uns fehlt, vor allem Karl frage immer wieder nach ihr und Tonne suche sie im ganzen Haus, kann nicht begreifen, der kleine Hund, dass sie weg ist. Weit weg ist. Unerreichbar auch für mich, der doch neben ihrem Bett sitzt und ihre kalte Hand hält und sie streichelt, unerreichbar scheint sie in Tiefen des Seins abgetaucht, zu denen ich und auch die anderen um sie herum keinen Zugang haben.
Die Ärzte meinen, ich sollte immer wieder kommen und mit ihr reden, auch wenn es momentan aussichtslos erscheine, an sie heranzukommen. Ich werde es versuchen.

2. Tagebucheintrag (14. Oktober)

Heute kam es mir vor, als ob sie ein bisschen reagierte hätte auf meine Worte, sie zuckte kaum merklich zusammen, als ich Karl erwähnte. Was ich ihr nicht erzählte, verschwieg war, dass Karl für mich immer mehr zum Problem wird. Er verschwindet nun tagelang aus dem Haus und ich beginne jedes Mal zu befürchten, er kommt nicht mehr heil zurück, oft war ich schon kurz davor, die Polizei um Hilfe zu bitten, nachdem ich mit dem Fahrrad auf der Suche unterwegs war, um ihn zu finden, aber jedes Mal kam er doch wieder zurück, suchte seine Mutter zuerst in der Küche und dann im ganzen Haus, begleitet von Tonne, der aufgeregt in allen Ecken schnüffelte und deinen Schuh herbeizerrte und mir auffordernd vor die Füße warf, mich anblickend, als wolle er f ragen: Wo ist sie denn, mein Frauchen?
Karl sieht schlecht aus und fragt immer wieder: Ist sie tot? Ist sie nun ein Engel wie Bettina?
Was soll ich da erklären, einem der so wenig zu verstehen scheint und doch mehr ahnt, als wir alle, so denke ich manchmal wirklich, auch wenn du mich für verrückt erklären würdest, so denke ich jedenfalls.
Ich habe Karl versprochen, dass er dich besuchen darf. Er muss sich davon überzeugen, dass du noch lebst. Aber wie wirst du in deiner Erstarrung auf ihn wirken? Davor habe ich Angst, vor Karls Reaktionen fürchte ich mich. Und auch davor, wie du auf Karls Anwesenheit reagieren wirst.
Die Ärzte sind einverstanden. Wir werden einen Versuch wagen. Das nächste Mal komme ich mit Karl und natürlich auch Tonne, aber der muss draußen warten. Aber vielleicht geht es dir bis dahin schon besser und wir können alle drei bzw. vier gemeinsam im Garten spazieren gehen.
Das Essen ist auch ein Problem: Am Abend bringe ich Karl aus der Krankenhauskantine etwas mit, morgens frühstücken wir gemeinsam und ich richte ihm immer etwas her, das er alleine mittags essen kann, eine Brotzeit. Ich habe ihm verboten, den Ofen zu benützen, weil ich befürchte, er könne damit Unsinn machen oder vergessen, die Platte wieder auszuschalten. Noch klappt es einigermaßen. Die Wohnung sieht allerdings chaotisch aus. Wir brauchen dich wirklich, aber nicht als Putzfrau, sondern als meine Frau und Karls Mutter.
Mit wem soll ich sprechen? Mit Karl ist es schwierig, du weißt das ja. In der Klinik belasten mich einige tragische Fälle sehr, wie soll ich andere trösten und beruhigen, wenn ich selbst dringend Trost bräuchte? Aber ich darf sie das nicht fühlen lassen, versuche es jedenfalls, aber es gelingt sicher nicht immer und erstaunlicherweise erfahre ich oft Trost und Ermutigung von Menschen, von denen ich es am allerwenigstens erwartet hätte.

3. Tagebucheintrag (15. Oktober)

Gestern haben wird dich also gemeinsam besucht. Karl weiß jetzt, wo du zu finden bist, er hat eine Vorstellung von dem Ort, der dich für uns in nächster Zeit unerreichbar macht. Es ging besser als ich dachte. Trotz deiner Müdigkeit konntest du Karl anlächeln und er ließ es sogar zu, dass du seine Hand gehalten hast, länger als den üblichen Moment eines Händedrucks. Natürlich konnte ich nicht so lange bleiben wie an den anderen Tagen, Karl wurde unruhig und Tonne wartete vor der Tür im Garten der Klinik, wo eine freundliche junge Schwester ihn auch mit Wasser und Futter versorgt hatte. Trotzdem, Karls Unruhe wirkte sich auf dich aus, ich konnte es an deinen Augen sehen, die ständig hin und her wanderten, als suchten sie etwas. Noch immer bist du mir sehr fremd und unerreichbar. Aber die Ärzte sprechen schon von kleinen Erfolgen: Du bist inzwischen mehrmals freiwillig aufgestanden, hast lange Zeit aus dem Fenster geblickt, hast reagiert auf Fragen der Schwestern. Nächste Woche wollen sie, dass du mit den anderen Patienten gemeinsam zum Essen kommst, um deine Reaktion zu prüfen: Kannst du allmählich wieder in eine Gemeinschaft zurück oder verweigerst du den Kontakt zu anderen. Sie haben auch vor, eine Gesprächstherapie zu beginnen, auch wenn du überwiegend noch schweigst, aber das wäre kein Einzelfall beruhigten sie mich, sie würden dich so lange schweigen lassen, bis du bereit wärest, zu reden. Das erinnert mich ein bisschen an Verhörmethoden und ich fühle mich gar nicht wohl dabei. Wie wirst du darauf reagieren? Ich würde dir gerne helfen, aber du bleibst auch in meiner Gegenwart stumm. Bin ich der Grund für deine Depression? Ich habe mein Verhalten dir gegenüber schon mehrmals hinterfragt und kann keine ausreichenden Gründe für den Ausbruch dieser schrecklichen Krankheit entdecken. Aber das ist es ja gerade, die Unfähigkeit des Erkrankten, darüber zu reden, gerade weil er selbst nicht weiß, woher sie kommt, sie überfällt ihn aus scheinbar heiterem Himmel. Ich suche auch ständig nach Anzeichen, die wir nicht genug beachtet haben, zu wenig ernst genommen haben.

Karls Mutter

Brief (20. Oktober)

Lieber Stefan,

nun haben sie Dir wohl gesagt, Du solltest mir Briefe schreiben, da ich nicht bereit sei, mir Dir zu sprechen.
Natürlich freue ich mich, wenn Du mir schreibst, wie sehr Du mich magst und darauf wartest, dass ich zurückkomme. Möglichst bald, wie Du das hoffst und vor allem auch Karl, der mich sucht und auch auf mich wartet. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schwer es mir fällt, selbst diese Worte zu schreiben. Es strengt furchtbar an, sich aufzuraffen, sich den Befehl zu geben, Dir zu antworten, weil Du mein Mann bist und verdient hast, dass ich Dein Bemühen anerkenne. Eine kurze Antwort wenigstens, so hast Du geschrieben, ein paar Zeilen schon, sie würden Dich glücklich machen und mich ein bisschen aus meinem Tief herausreißen, würden auch mir gut tun, denkst Du.
Aber ich kann Dich nicht trösten, da ich selber Trost brauche und jemanden, der mich versteht. Dir kann ich vieles nicht sagen, denn es würde Dich zu sehr belasten, du könntest es nicht ertragen, es würde wie eine unüberwindbare Mauer zwischen uns entstehen. Nein, vieles darf ich Dir nicht zumuten, ich spüre das. Selbst den Ärzten wage ich nicht die Wahrheit zu sagen, obwohl ich immer deutlicher spüre, immer sicherer weiß, es muss etwas passieren, sonst ersticke ich daran. Verzeih mir, dieser Brief wird Dich nicht erreichen, vielleicht gelingt es mir, Dir an einem anderen Tag die von Dir gewünschten Zeilen zu schreiben. Ich lasse Deinen Brief auf meinem Nachtkästchen liegen, zur Erinnerung, damit ich es nicht vergesse.

1. Tagebucheintrag (21. Oktober)

Seit gestern bin ich nicht mehr allein in meinem Zimmer. Eine junge Frau liegt jetzt im Bett neben meinem. Wir passen gut zusammen: sprechen beide nicht. Es ist unangenehm, ich komme mir ständig beobachtet vor, liege im Bett mit geschlossenen Augen und fühle ihre neugierigen Blicke auf mir. Ich kann mich aber auch täuschen: sobald ich die Augen öffne, blickt sie ganz woanders hin oder hat ebenfalls die Augen geschlossen. Bis jetzt weiß ich nur ihren Namen: Claudia Werben. Habe ihre Stimme kaum gehört. Sie wirkt sehr verzweifelt, aber wer ist das nicht in dieser Klinik, vor allem in dieser Abteilung. Geschlossen. Eingeschlossen. Verschlossen. Im Gefängnis der Gefühle. Umschlossen von düsteren Gedanken, die unsere Worte festhalten und nicht loslassen wollen, nicht durchdringen lassen wollen an die Oberfläche um gehört zu werden, verstanden zu werden, bewertet zu werden, gewichtet zu werden.

2. Tagebucheintrag (22. Oktober)

Claudia hat mich zum ersten Mal angesprochen, nach einer Woche. Sie wollte das gerahmte Foto auf meinem Nachtkästchen anschauen, das Bild von Karl und Bettina. Stumm habe ich es ihr gereicht. Lange und sehr aufmerksam hatte sie es angeschaut, ehe sie mir das Bild zurückreichte und leise „Danke“ murmelte. Sie wühlte plötzlich in ihrer Tasche und zog etwas in einem Umschlag heraus. Neugierig geworden beobachtete ich sie weiter: Behutsam entnahm sie dem Umschlag ein Ultraschallbild, das sie mir zögernd reichte. Stumm blickte ich darauf, um irgendetwas erkennen zu können. Es wirkte sehr verwirrend. Claudia legte einen Finger an eine dunkle Stelle und flüsterte kaum vernehmbar: „Mein Kind, mein Junge.“ Der Schmerz dieser jungen Frau fuhr wie ein Messerstich in mein Inneres, mein Interesse war geweckt. Fragend sah ich sie an und dann wieder auf das Bild. Wo ist ihr Kind?, dachte ich, wagte aber nicht danach zu fragen.
Als hätte Claudia meine Gedanken erraten, antwortete sie mir. „Abgetrieben.“ Ein Wort, das wie ein Faustschlag einschlug.
Ehe ich etwas sagen konnte, riss sie mir das Bild aus der Hand und sperrte sich in der Toilette ein. Die Wirkung dieses Wortes breitete sich im Zimmer aus wie wie dunkler Rauch, nahm mir den Atem. Ich verließ das Zimmer und schloss auffallend laut die Tür, um ihr ein Zeichen zu geben. Du kannst wieder herauskommen, ich werde dich nicht mit Fragen belästigen, vor denen Du Dich fürchtest.
Auf dem Gang lief mir ein Arzt über den Weg, der sehr erfreut darüber war, so sagte er jedenfalls, dass ich nun schon in der Lage sei, allein das Zimmer zu verlassen. Ein Schritt auf dem Wege zur Gesundung.
Er hatte keine Ahnung. Ich bin geflohen vor dem fremden Schmerz, der sich mit meinem Schmerz verbünden wollte.

 

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Tonne (3)

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Fortsetzungsgeschichte

Hinweis an die Leserinnen und Leser: Bei dem Text „Tonne“ handelt es sich um eine Erzählung, deren Inhalt frei erfunden ist. Ich habe sie vor einiger Zeit geschrieben und werde sie nun in einzelnen Teilen vorstellen.

Reaktion der Leute auf Karls Behinderung

Wie hatten sich die Leute das Maul zerrissen, als sie allmählich merkten wie es um des Pfarrers Sohn bestellt war: Er war einfach anders als die anderen. Im Kindergarten fiel das nicht so deutlich auf, aber in der Grundschule traten massive Probleme auf: Karl war einfach überfordert, an der falschen Schule. Ihrem Mann wurde es allmählich peinlich, dass er, der angesehene Pfarrer, einen behinderten Sohn hatte, der keinerlei Rücksicht nahm auf den Ruf des Vaters. Aber ihr Mann liebte ihn, trotz der Schwierigkeiten, sie fühlte das, während sie ihn nicht so annehmen konnte wie er war, so sehr sie sich auch Mühe gab. Es gab Momente, da verabscheute sie sich selbst: Eine Mutter, die ihr eigenes Kind nicht liebte? Noch dazu die Frau eines Pfarrers. Aber war Karl wirklich ihr eigenes Kind? War er ihr nicht aufgezwungen worden von einem Fremden, der sie gewalttätig überfallen hatte, an jenem Abend, der in ihren Träumen immer wieder auftauchte, jener Abend, der ihr zum Schicksal geworden war?
Wie hatte sie sich geschämt, wie war sie verzweifelt gewesen, dass ausgerechnet ihr das passieren musste: Eine Vergewaltigung. Welch harmloses Wort im Vergleich zur grausamen Realität. Hilflos ausgeliefert zu sein, trotz heftigster Abwehr zu unterliegen, fremde Gewalt ertragen zu müssen, sie auszuhalten und danach wieder aufzustehen und so völlig allein zu sein, getrennt von allen anderen, mit keinem darüber reden zu können. Das war das Schlimmste. Heimkommen und den Augenblick verpasst zu haben, den richtigen Augenblick, darüber zu berichten, die Polizei einzuschalten, den Täter zu verfolgen. Sie dachte an ihren Mann, der sie vielleicht nicht mehr lieben würde, der ihr vielleicht sogar die Schuld geben würde und dann – die Polizei einschalten, mit all den unangenehmen Fragen? Das Gerede der Leute aushalten müssen, ihr Mann wäre dem ebenso ausgesetzt, in seiner Pfarrei, ihr Mann, der täglich mit vie-len Menschen zusammentraf, wie hätte er sie vor dem Gerede und Getuschel, den Vermutungen schützen können? Nein. Niemand sollte davon erfahren. Sie wollte alleine damit fertig werden und hoffte nur eines: nicht schwanger geworden zu sein von jenem Mann, den sie abgrundtief hasste, denn auch ein Kind von ihm, dem Unbekannten, würde sie nicht lieben können. Sie wusste es damals schon.
Abtreibung? Sicher, daran hatte sie im ersten Moment auch gedacht, aber der Respekt vor dem ungeborenen Leben verbot ihr den Gedanken weiter zu denken, in ihn die Tat umzusetzen.
Ein banges Warten begann ehe sie die Gewissheit hatte: Sie erwartete ein Kind. Ihr Mann war überglücklich, ahnte er doch nichts von ihren geheimen Befürchtungen: Wer war der wirkliche Vater? Sie versuchte sich zufrieden zu geben, hoffte immer noch, ihr Mann sei der tatsächliche Vater. An anderen Tagen war sie davon überzeugt, dass die Geburt alles an den Tag bringen würde: das Aussehen des Kindes würde Rätsel aufgeben und sie verdächtigen, einen Seitensprung begangen zu haben. Die untreue Ehefrau oder die vergewaltigte, egal, ihre Ehe wäre zerstört, das Vertrauen verschwunden.

„Wo hast du Bettina gesehen?“, erkundigte sich Karls Vater behutsam. „Auf dem Spielplatz.“ Absolut sicher antwortete Karl. „Auf dem Spielplatz?“ Karl nickte bestätigend und schob sein Bild wieder ein.

Reaktion des Vaters auf seinen Sohn, als er wieder von Bettina spricht

Karl, sein Sohn. Der Pfarrer sah ihn wehmütig an. Er hätte sich auch einen anderen Sohn gewünscht. Sicher. Aber nur vor sich selbst, in seinen geheimsten Gedanken gab er diesen Wunsch zu, niemals vor seiner Frau, die deutlich mehr litt, als er selbst. Karl, der hübsche Kerl, der sich so merkwürdig verhielt, der sich weigerte, sich anständig anzuziehen, der daherkam wie ein Obdachloser, obwohl doch jeder in seiner Nachbarschaft wusste, wie gepflegt es im Pfarrhaus zuging. Karl, den jeglicher Müll faszinierte, aus unerklärlichen Gründen. Karl, der sich sträubte und wehrte, wenn man ihn zärtlich umarmen wollte. Was war los mit diesem Jungen? Äußerlich und vom Alter her ein junger Mann, in seinem Gemüt ein Kind. Trotzdem, er hatte ihn angenommen. Er als Pfarrer sah hier eine Gelegenheit, den Leuten zu beweisen, wie gelebtes Christentum aussah. Liebe deinen Nächsten, liebe deinen Sohn. Er tat es, er versuchte es, auch wenn es nicht immer gelang und er mit Gott haderte in einsamen Nächten, die er rasch vergessen wollte.
Wie hatte er dagegen sein kleines Mädchen geliebt, von der ersten Sekunde seines Lebens an. Unbeschreiblich war dieses Glück, ein gesundes Kind haben zu dürfen. Sein Sonnenschein, der jetzt sein Engel geworden war, nach diesem schrecklichen Unfall, vor nun vier Jahren. Alle schienen so glücklich gewesen zu sein, auch seiner Frau gelang es besser, ihren Sohn Karl mit seinen Eigenheiten anzunehmen, noch dazu, als sich herausstellte, dass die kleine Schwester so an Karl hing und dieser sich rührend um sie kümmerte, ja geradezu aufzublühen begann und sie schon zu hoffen wagten, Karl würde sich endlich weiter entwickeln, seinem Alter gemäß.
Fünf Jahre währte dieses Glück ehe es brutal zerbrach.
Kurze Zeit nach dem tödlichen Unfall hatte er sich um eine Stelle als Krankenhauspfarrer beworben. Er kümmerte sich nun um Menschen im Krankenhaus und um die Bewohner des Altenheimes.
Sie waren auch umgezogen. Seine Frau hatte es nicht mehr ausgehalten, täglich auf die Stelle blicken zu müssen, an der Bettina in ihr Unglück gerannt war. Von einem Stadtviertel in das andere, er hatte auf das Pfarrhaus verzichtet, es seinem Nachfolger überlassen, war letztlich auch froh, in einem anderen Stadtteil zu wohnen. Hier war sein Unglück nicht mehr täglich gegenwärtig, nicht nach außen sichtbar. Gewiss, er dachte jeden Tag daran, bestimmt auch seine Frau, obwohl sie nie miteinander darüber sprachen. Unausgesprochene Vorwürfe breiteten sich aus zwischen ihnen, nie gesagte, auch nicht angedeutete und trotzdem spürbar wie allerfeinste Nadelstiche.
Er hatte damals eine Panne gehabt und einen wichtigen Termin, er hatte seine Frau gebeten, ihn abzuholen, hatte nicht daran gedacht, dass sie Karl nicht allein mit Bettina zurücklassen sollte, hatte nicht geahnt, wie gefährlich das sein könnte.
Alles war zu schnell gegangen. Schicksal? Er suchte Trost in seinem Glauben, einen Trost, den er seiner Frau nicht vermitteln konnte. Sie war nicht bereit, das Unglück anzunehmen, versank zunehmend in Bitterkeit und Depression. Er befürchtete an manchen Tagen sogar, sie könnte sich etwas antun, oder auch Karl, den anzunehmen ihr immer schwerer fiel.

Trotz des Wohnungswechsels hatte Karl keine Schwierigkeiten, seinen üblichen Weg zu gehen: Zum Spielplatz und zurück, am Morgen, wo er sich allerdings am Nachmittag herumtrieb, war nicht aus ihm herauszubringen. Manchmal begegneten sie sich unerwartet, vor dem Supermarkt oder auch auf dem Friedhof. Während er versuchte mit Karl zu sprechen, tat dieser so, als wäre er ein Unbekannter, ignorierte ihn einfach, im Gegensatz zu Tonne, der ihn stets stürmisch begrüßte.
Er hatte es aufgegeben, sich um Karl unnötige Sorgen zu machen, er fühlte immer mehr eine innere Gewissheit, die ihm das Gefühl gab, dass sein Sohn gut beschützt würde, irgendwie vertraute er auf sein Gefühl und sein Sohn fand stets wieder zurück, kam einigermaßen pünktlich zum Essen, der Hunger trieb ihn heim und sein prall gefüllter Müllsack, gefüllt mit seinen Schätzen. Eigentlich war er mit so wenig zufrieden, stellte er immer wieder fest, aber er gab auch so wenig, schien seine Liebe nicht zu erwidern, jedenfalls nicht so, wie er sich das immer vorgestellt hatte. Liebender Vater, liebender Sohn, Zeit für gemeinsame Spiele, Zeit für Gespräche …

Karl erinnert sich an Bettina

Vorsichtig nahm Karl die Steine in die Hand, er prüfte sie und rieb den Schmutz an seinen Hosenbeinen ab, hielt sie abwägend in der Hand, strich behutsam darüber und legte sie schließlich in eine rote Schachtel zu anderen Steinen, die alle glitzernde Stellen aufwiesen. Er war zufrieden mit der Ausbeute seiner heutigen Schatzsuche. Tastend fuhr er mit seiner rechten Hand noch einmal in den Müllsack und erspürte noch etwas Hartes, das er erstaunt herausnahm.
Er hielt einen rosaroten Stein in der Hand, der durchsichtig schimmerte und die Form eines Herzens hatte. Zärtlich hielt er ihn an seine Wange, spürte die Kühle. Bewundernd drehte und wendete er ihn. Woher hatte er diesen Stein bloß? Er konnte sich nicht erinnern, ihn aus einem Mülleimer geholt zu haben. Versunken starrte er auf den Stein, da endlich fiel es ihm wieder ein: Das fremde Mädchen. Bettina. Sein Engel. Aber das Mädchen wollte nicht Bettina genannt werden, das hatte er schon gemerkt. Melanie hieß sie, jetzt wusste er es wieder. Sie hatte ihm ein Geschenk gemacht, heute auf dem Spielplatz. Melanie. Er zerrte das Bild seiner Schwester aus der Hosentasche. Bettina oder Melanie?
Er sehnte sich so nach Bettina, nach ihrem Lachen, ihrer zärtlichen Hand, ihrer unbekümmerten Zuneigung, die auch er erwidern konnte, ohne in eine starre abwehrende Haltung zu versinken. Er suchte sie immer noch, inzwischen heimlich, denn er spürte unbewusst, wie unerträglich es für seine Eltern war, ihn bei seiner Suche nach Bettina zu ertappen. Er fühlte auch die tiefe Abneigung seiner Mutter, die ganz innen in ihr steckte, tief verborgen. Aber er hatte seine Mutter auch anders erlebt.
Zu Bettinas Zeiten. Strahlend, zufrieden, zärtlich, war sie da gewesen, auch ihm gegenüber liebevoll. Ohne innere Abneigung, das hatte er gespürt. Seine Liebe zu Bettina hatte ihm die Liebe seiner Mutter gebracht.
Aber tatsächlich war es anders gewesen: Bettina hatte seiner Mutter gezeigt wie sie ihn lieben konnte, ihn, den komischen Kerl, der von allen so misstrauisch beobachtet wurde, über dessen merkwürdiges Verhalten ständig geredet wurde. Bettina ahnte nichts davon, sie nahm ihn an, als Mensch und Bruder. Das war es, was seine Mutter dazu gebracht hatte, ihn auch anzunehmen, kurze Zeit wenigstens. Aber davon ahnte er nichts. Wusste nicht, dass sie ihm die Schuld an Bettinas Tod gab und vor allem sich selbst.
Sie hatte ihm ihr Grab gezeigt, versucht zu erklären, dass Bettina jetzt im Himmel sei, ein Engel wäre, der auf ihn heruntersehen würde, ihn ständig begleiten würde. Es hatte lange gedauert, bis er einigermaßen begriffen hatte. Tot. Das war Starre, das war Verschwinden, das war nicht mehr da sein. Die tote Maus, die er gefunden hatte, eines Tages, tot, wie Bettina. Er wollte sie näher untersuchen, wollte herausfinden, was mit ihr passieren würde. Wäre sie auch im Himmel zu finden oder würde sie ein Engel werden wie Bettina? Er konnte es nicht herausfinden. Die tote Maus war plötzlich verschwunden, nicht mehr aufzufinden. Wie Bettina.

Vierte Begegnung:  Melanies Buch über Schutzengel

Melanie wartete schon lange. Endlich sah sie Tonne herankommen, konzentriert eine fremde Spur verfolgend. Leise rief sie ihn und blitzschnell sauste er Schwanz wedelnd auf sie zu und sprang an ihr hoch. Während sie ihn streichelte, blickte sie sich suchend nach Karl um, der meist in der Nähe des Hundes war. Karl suchte Tonne, hatte ihn aus den Augen verloren und blickte sich ebenfalls suchend um. „Hier“, schrie Melanie, „hier sind wir.“ Sie winkte mit den Armen, um Karl auf sich aufmerksam zu machen. Endlich. Er kam näher, beschleunigte seine Schritte. „Na, heute schon gute Beute gemacht?“, wollte sie wissen.
Verwirrt sah Karl sie an. „Hast du heute schon einen Schatz gefunden?“, fragte sie hartnäckig weiter. Jetzt begriff Karl. Er öffnete seinen blauen Sack und ließ sie hineinschauen. Neugierig blickte sie hinein, konnte aber nichts Besonderes entdecken, lediglich ein unangenehmer Geruch stieg ihr in die Nase und schnell wandte sie den Kopf ab. Karl schleifte den Sack schon zum nächsten Papierkorb und erforschte dessen Inhalt mit den bloßen Händen. Nach kritischer Begutachtung ließ er immer wieder etwas in den Sack fallen. Melanie spielt lieber mit Tonne als im Abfall zu wühlen. Sie wollte mehr über Bettina erfahren, unbedingt. Aber Karl war ein schwieriger Kerl, nicht gefährlich, aber seltsam, merkwürdig. Er wirkte so, als ob er sie nicht richtig verstehen könnte. Warum bloß? Fragte sich Melanie immer wieder. Sie wollte es herausfinden, alles über ihn und auch über Bettina. Gespannt setzte sie sich auf eine Bank und beobachtete Karl.
„Karl, komm bitte her“, forderte sie ihn auf. „Schau, was ich hier habe.“ Sie winkte mit einem Gegenstand. Das wirkte. Karl kam zu ihr und wartete darauf, diesen genauer anschauen zu dürfen. Melanie klopfte einladend auf die Bank und Karl setzte sich. Langsam öffnete Melanie ein kleines Buch, das sie mitgebracht hatte und hielt es erwartungsvoll Karl entgegen. Karl riss es ihr aus der Hand und starrte ungläubig auf die Bilder. Sie spürte die Veränderung, die unerwartet in ihm vorging und plötzlich begann sie sich zu fürchten. Hatte sie etwas falsch gemacht?
Karl blätterte immer wieder die wenigen Seiten vor und zurück, als suchte er etwa Bestimm-tes. „Engel“, murmelte er, „Bettina.“ „Wo ist Bettina?“, fragte Melanie. „Engel im Himmel“, erwiderte Karl und warf einen flüchtigen Blick nach oben, als suchte er sie dort zwischen den Wolken. „Schutzengel“, erklärte Melanie, mit dem Zeigefinger auf das Bild eines Engels deutend, der ein Kind sicher über die Straße geleitete.
Aber Karl verfiel in düsteres Schweigen und weigerte sich mit Melanie zu sprechen.

Bettina (3)

Sie bohrt ihre nackten Zehen in den warmen Sand, gießt aus der kleinen Wasserkanne Wasser darüber und matscht den Sand mit den Händen zu einem kleinen Berg, unter dem sie ihre Zehen verstecken will. Immer wieder springt die Sanddecke auseinander. Zu trocken, stellt er fest, steht auf und holt frisches Wasser, das er in die Sandkiste schüttet, während ihre Hände eifrig den feuchten Sand glatt streichen. Hilfe, meine Füße sind weg! Und er tut so, als ob er sie verzweifelt suche, rennt im Garten herum und sucht hinter den Sträuchern, schaut in den Schuppen, hinter das Haus, blickt prüfend in die Krone des Apfelbaumes, versucht ihn sogar zu schütteln. Sie lacht und lacht, hält es endlich nicht mehr aus und stößt ihre Füße ruckartig aus dem Sandhügel in die Luft, wackelt mit den verklebten Zehen und schreit. Hier, hier sind sie, ich habe sie wieder hergezaubert. Und er tut verwundert, ganz erstaunt. Plötzlich sind die Füße wieder da, wie ist das möglich. Sie kann tatsächlich zaubern. Bettina.
Jetzt ist er dran, muss im feuchten Sand sitzen, sich begießen lassen, darf seine Füße nicht bewegen, muss stillhalten,  Bettina hat ihn verzaubert. Beschmiert ihn genussvoll mit dem feuchten Sand, schmiert ihn auf seine Wangen, die Nase, die Hände, es kitzelt, aber er muss still halten, ist verzaubert in einen Stein, ist unbeweglich. Sie betrachtet stolz ihr Werk, marschiert um ihn herum, begutachtet ihr Kunstwerk, bewegt die Hände, murmelt unverständliche Zaubersprüche, klopft ihm plötzlich auf die Schulter und ruft. Du bist erlöst, du bist wieder mein Bruder. Steh auf. Sofort. Da muss er aufspringen, so schnell wie er kann, muss ihrem Zauberspruch folgen, muss wieder der Bruder werden. So schnell, dass sie fast ein bisschen erschrickt, um sich danach umso mehr zu freuen. Bettina, die kleine Zauberin.

Enttäuscht nahm Melanie Karl das Buch aus der Hand und steckte es in ihren kleinen Rucksack zurück.
Ein helles Bellen riss Karl jäh aus seiner Gedankenwelt. Tonne stupste auffordernd seine Hand an und sprang an ihm hoch. Langsam nahm Karl wieder wahr, wo er sich befand: er war auf dem Spielplatz, das fremde Mädchen saß noch eben ihm, blickte ihn besorgt an, aber das Buch war verschwunden, kein Schutzengel war mehr zu sehen.
Er fühlte sich unendlich müde und wollte nur nach Hause, sich auf sein Bett legen, allein sein, allein mit Bettina, die ihn überallhin begleitete, auch wenn es keiner glauben wollte. Er wusste es, er fühlte ihre Nähe.
Langsam packte er seinen Müllsack, erhob sich schwerfällig von der Bank, rief Tonne zu sich und machte sich auf den Heimweg, ohne Melanie, die ihm enttäuscht nachsah, unfähig ihm hinterherzulaufen, noch eines Blickes zu würdigen.

Als sie wieder allein war, zog Melanie noch einmal das Buch aus dem Rucksack und starrte nachdenklich auf das kleine Bild, das bei Karl so unerwartete Reaktionen hervorgerufen hatte.

 

Tonne (2)

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Fortsetzungsgeschichte

Hinweis an die Leserinnen und Leser: Bei dem Text „Tonne“ handelt es sich um eine Erzählung, deren Inhalt frei erfunden ist. Ich habe sie vor einiger Zeit geschrieben und werde sie nun in einzelnen Teilen vorstellen.

Bettina (2)

Schulter an Schulter sitzen, ihren vertrauten Duft riechen, ihrer hellen Stimme lauschen, dem ausgestreckten Finger folgen, der unermüdlich auf Bilder zeigt, mal hier, mal dort hin wandert, eine Geschichte einfordernd. Eine Geschichte von ihm, ausgerechnet von ihm, der kaum ein Wort spricht. Bettina weiß das nicht, hat keine Ahnung. Ihr Bruder ist groß, also kann er eine Geschichte erzählen, so wie alle anderen Großen. Bettina klopft ungeduldig auf die kleinen bunten Bilder, blickt ihn fragend an. Er quält sich, kennt die Bilder, sucht nach den passenden Worten, sie zu beschreiben, fördert sie mühsam an die Oberfläche, längst gehörte Worte, stottert zunächst, sieht Bettinas aufmerksame zufriedene Miene, das gibt ihm Mut und die nächsten Worte holt er mühelos aus seinem Gedächtnis, bringt sie nahezu flüssig über die Lippen. Bettina wiederholt sie andächtig. Junge. Katze. Auto. Baum. Das Staunen der Mutter über Bettinas neue Wörter. Von ihm, dem wortlosen Bruder.
An manchen Tagen fühlt er sich beobachtet, spürt die Augen seiner Mutter forschend in seinem Rücken, versteht nicht den Grund, fühlt sich unbehaglich, ohne zu wissen warum. Dann, am Abend, als Bettina ihm die Arme um den Hals schlingt, er seinen Gute-Nacht-Kuss erhält, da legt auch seine Mutter die Arme um ihn, hält ihn ganz kurz und streicht ihm über den Kopf. Flüstert: Du magst Bettina wohl sehr. Gute Nacht, schlaf gut und träum schön. Ganz warm wird es ihm, eine nie gekannte Freude breitet sich in ihm aus. Noch im Bett spürt er die Umarmung seiner Mutter, kann lange nicht einschlafen, aufgewühlt vor freudiger Erregung.

Auf den weiter entfernteren Wegen zwischen den Gräberreihen waren undeutliche Stimmen zu hören. Fremde Leute näherten sich, Melanie bückte sich rasch und untersuchte ihre Schuhe, als sie sich wieder aufrichtete, waren Karl und Tonne plötzlich verschwunden, nirgends zu entdecken. Neugierig suchte sie nun ebenfalls das Grab, das ihr mehr von Karl verraten würde.
Die blitzende Glasscherbe zeigte es ihr. Gespannt stand sie vor einem schlichten Holzkreuz, versuchte mühsam die Aufschrift zu entziffern, die verschnörkelten Buchstaben sahen so gar nicht aus wie die Buchstaben in ihrem Lesebuch.
„Bettina H.., geb. am …, gest. am…..“ Ein winziges Bild war am Kreuz befestigt und wieder erkannte sie das Mädchen, das ihr so ähnlich sah: Bettina.

Karl kommt heim

Karl öffnete das Gartentor und klingelte lange an der Tür.
„Da bist du ja endlich, wird auch Zeit.“ Kopfschüttelnd warf seine Mutter einen resignierten Blick auf die schmutzigen Schuhe ihres Sohnes, nahm Karl in seiner ganzen Gestalt wahr und wunderte sich immer aufs Neue, da stand Karl vor ihr, ihr verwirrter Sohn, der nicht in saubere Kleidung zu pressen war, so oft sie es auch schon versucht hatte.

 

Erinnerungen der Mutter an Bettina

Die Kleine hatte Karl angehimmelt, war ihm gefolgt seit sie laufen konnte, irgendetwas faszinierte das Mädchen an Karl. Die beiden verstanden sich ohne viele Worte, sprachen ihre eigene Sprache, lebten in ihrer eigenen Welt.
Nie würde sie den Tag vergessen, an dem sie Bettina Karls Aufsicht überließ. Sie musste plötzlich weg.
Karl und Bettina waren in ein Spiel versunken, sie hoffte rasch zurückzukommen, dachte es könne nichts passieren. In ihrer Eile hatte sie vergessen, dass es der Tag der Müllabfuhr war. Müll übte auf Karl eine unerklärliche Faszination aus, Müll zog ihn magnetisch an. Vergessen. Wie konnte sie das vergessen?

Tonne sprang an ihr hoch und wollte gestreichelt werden, erwartete ein Wort zur Begrüßung.
Tonne, wie hatte sie diesen Hund gehasst, heute ist ihr das unvorstellbar. Tonne war wirklich unschuldig, während sie, die mit Verstand begabt war, versagt hatte. Sie und Karl, aber auch Karl war unschuldig. Das große Kind, dessen Gedankengänge niemand nachvollziehen konnte, Karl, der nie erwachsen werden würde, ihn traf keine Schuld, auch wenn sie ihn damals angeschrien hatte in ihrer Verzweiflung, warum er nicht aufgepasst hätte, sollte er ihr sagen.
Karl, der Bettina ebenso verzweifelt gesucht hatte, überall im ganzen Haus, Karl, der sie immer noch sucht, der neuerdings wieder von ihr spricht, von Bettina, seinem Engel, dem er begegnet sei, vor wenigen Tagen erst.

Eines hatte sie erzwungen: Karl musste sich stets umziehen und sich säubern, bevor er sich zu ihnen an den Tisch setzte, zum gemeinsamen Essen. Ihr Mann hatte angerufen, er würde erst viel später kommen, war aufgehalten worden, war ins Krankenhaus gerufen worden.
Schweigend füllte sie Karls Teller mit Bratkartoffeln und Spiegeleiern, stellte die Schüssel mit Salat in seine Reichweite und setzte sich an den Tisch, ihn aufmerksam beobachtend.

Irgendwie schien er ihr verändert. Seit Tagen schon spürte sie diese Veränderung, ohne sie konkret beschreiben zu können. Unruhe hatte sie wieder erfasst, die Nächte wurden zur Qual, Gedanken bedrängten sie unablässig, raubten ihr den Schlaf, führten ihr Bilder vor, die sie längst vergessen glaubte, machten ihr deutlich, wie einsam sie war, obwohl neben ihr die gleichmäßigen Atemzüge ihres Mannes die Nähe eines Menschen verrieten.
Wochenlang litt sie damals unter ihrer Schlaflosigkeit, zwang sich täglich am Morgen aufzustehen, obwohl sie sich zerschlagen fühlte und ganz wirr war im Kopf von all den Gedanken und Bildern, denen sie in der Nacht begegnet ausgesetzt war.
Täglich aufs Neue das Frühstück richten, Karl und ihren Mann versorgen, der die beiden dann allein zurückließ, sie ihrem Schweigen überließ, sich um die Sorgen und Nöte fremder Menschen kümmerte, während sein Sohn und seine Frau gefangen waren in ihren eigenen Nöten.

Karls Tagesablauf

Karls Tagesablauf hatte seine besondere Regelung: Nach dem Frühstück drehte er eine Runde mit Tonne, dabei ging er immer die gleiche Tour: den Weg zum Spielplatz und zurück. Sie wusste, dass er immer seine blaue Tüte dabei hatte, für seine Schätze, wie er die gesammelten Abfälle nannte.
Wieder zurück verschwand er in dem Schuppen hinter dem Haus oder in seinem Zimmer, untersuchte seine Beute und begann sie zu ordnen, nach eigenen Maßstäben, die ihr fremd und merkwürdig erschienen. Er kippte alles auf einen Teppich, der immer mehr Spuren seiner Schätze aufwies, nahm seine Fundsachen prüfend in die Hand, putzte und wischte daran herum, ehe er sie sorgfältig in kleine Schachteln steckte, die sie ihm nach und nach besorgt hatte. Er hatte es auch zugelassen, dass sie gemeinsam die Schachteln bemalten, die er nun an der Wand entlang stapelte.
Heimlich kontrollierte sie inzwischen die Schachteln nachdem Karl einmal eine tote Maus darin versteckt hatte, eingewickelt in gelbes Seidenpapier. Der widerliche Geruch, den das tote Tier verströmte und von dem sie erst nicht wusste, worauf er zurückzuführen war, ließ sie zu Vorsichtsmaßnahmen greifen. Sie sah sich gezwungen dazu, obwohl sie gewiss nicht vorhatte, ihren Sohn auszuspionieren. Aber tote Tiere, das ging zu weit.

Während Karl in seinem Zimmer beschäftigt war, kümmerte sie sich um den Haushalt, sie konnte sicher sein, nicht gestört zu werden.
Zum Mittagessen saßen sie meist gemeinsam am Tisch, Tonne lag unter dem Tisch, stets auf Leckerbissen hoffend, die Karl heimlich fallen ließ, trotz der warnenden Blicke, die ihm sein Vater zuwarf. Schweigen herrschte zwischen den Menschen, zog konzentrische Kreise um die Anwesenden, von denen jeder versunken schien in seine eigene Welt. Das fordernde Bellen des Hundes ließ sie zusammenfahren, brachte sie wieder zurück in ihre gemeinsame Welt. Wie aus einem Traum erwachend blickten sie sich dann verlegen an und versuchten, mit Hilfe von mühsam herausgewürgten Worten die verloren gegangene Nähe wieder herzustellen. Aber sie war nie da gewesen, diese Nähe, die jeder sich ersehnte, konnte deshalb nicht wieder gewonnen werden, müsste erst entstehen, wachsen.
„Bettina“, murmelte Karl. Die Frau und der Mann warfen erschrocken die Köpfe hoch, blickten sich vielsagend an: Es wird doch nicht wieder losgehen, Karls Suche nach Bettina?

Karls Verhalten nach Bettinas Tod (aus der Sicht der Mutter)

Schreiend war Karl durch das Haus gelaufen, hatte in allen Winkeln gesucht, alle Möbel verschoben, das Bettzeug herausgerissen, die Gardinen von den Schienen gezerrt, die Schränke durchwühlt, immer schreiend, „Bettina“, schluchzend, nach Stunden nur noch heiser den Namen flüsternd, bis ihn schließlich ein Arzt mit Hilfe einer Beruhigungsspritze in einen unruhigen Schlaf taumeln ließ.
Und dann auch noch Tonne, das Hundebaby, jammernd, winselnd, hilflos, das am Boden mehr kroch als rannte, überall Pfützen hinterlassend, in die Karl trampelte in seiner Fassungslosigkeit.
Bettina, unser kleiner Sonnenschein, Bettina, die uns verlassen hatte, war ihrem Bruder, den sie so liebte, nachgelaufen. vertrauensvoll.
Karl, um den sie sich stets sorgte, sobald er allein unterwegs war, Karl, der Zerstreute, er hatte überlebt, schien auf seinen Gängen stets zuverlässig von einem Schutzengel beschützt zu werden, Karl ihr Sorgenkind lebte.

Karl wiederholte es noch einmal: „Bettina ist wieder da.“ Diesmal ganz deutlich. Er zog das kleine Bild aus seiner Hosentasche und legte es auf den Küchentisch: „Bettina ist wieder da.“
War das ein Rückfall? Verzweifelt blickten sich der Mann und die Frau an. Mühsam hatten sie versucht, ihm klar zu machen, dass Bettina nicht mehr unter ihnen war. Waren mit ihm auf den Friedhof gegangen, hatten ihm erklärt, dass sie hier ruhte und dass es ihr nun gut ginge. Aber Karl wollte oder konnte das nicht verstehen, begann wie ein Irrer in der Erde zu wühlen, riss Pflanzen heraus, die Leute begannen sich zu beschweren, der Friedhofswärter sprach sie an, mit Rücksicht auf die anderen, die hier ruhten und deren Angehörigen, sie müssten doch verstehen, die wollten nicht in ihrer stillen Andacht gestört werden durch einen der schrie und tobte, auch wenn es ein Ausdruck der Trauer war, aber alles musste doch ruhig, gefasst vor sich gehen. Gewiss, er hätte Verständnis, beteuerte er mehrmals, aber, wie gesagt, die Friedhofbesucher waren da anderer Ansicht, auch wenn es sich um den Sohn des Pfarrers handelte, alles musste seine Ordnung haben. Sie hatte schon verstanden: Karl war ein öffentliches Ärgernis.

Tonne

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Hinweis an die Leserinnen und Leser: Bei dem Text  „Tonne“ handelt es sich um eine Erzählung, deren Inhalt frei erfunden ist. Ich habe sie vor einiger Zeit geschrieben und werde sie nun in einzelnen Teilen vorstellen.

Bettina (1)

Kleine, weiche Finger, die vorsichtig einen Bauklotz auf den anderen stapeln, dunkle Augen, die konzentriert die wachsende Höhe des Turmes verfolgen, in Vorfreude aufblitzender Tri-umph: Sie würde Siegerin bleiben, den höchsten Turm bauen, während er durch eine ungeschickte Bewegung seinen Turm polternd zum Einsturz bringen wird, in der Vorfreude auf ihr strahlendes Gesicht, das so stolz sein würde darüber, den großen Bruder besiegt zu haben. Kleine Hände, die vor Freude klatschen. Er kann sich nicht satt sehen an der kleinen Person, die ihm wie ein Wunder erscheint. Alles so klein und doch so perfekt. Er liebt es, sie zu halten, ganz zart, behutsam, um ihr ja nicht weh zu tun, er liebt es, ihre zarte, warme Haut zu spüren, über ihre Hände zu streichen und ganz besonders liebt er es, sie zu trösten, ihre Tränen zum Versiegen zu bringen, die nach einem Sturz über ihre Backen kullern, glasklar wie Perlen. Sie wirft sich in seine Arme, schmiegt ihr Köpfchen mit den wirren Haarsträhnen an seine Schulter, er streicht ihr ganz zart über den bebenden Rücken, der sich unter seinen Händen rasch beruhigt, genießt kurze Zeit die Wärme des kleinen Körpers, spürt das Glück, das sich wie eine warme Welle in ihm ausbreitet, das Glück über das Vertrauen, das sie ihm schutzsuchend ent-gegenbringt. Er, der große Bruder, von vielen verachtet, nicht für voll genommen, über den die Leute reden, sie macht ihn stark und froh. Bettina.
Auch die Mutter verhält sich anders seit Bettina da ist. Sie schaut ihn manchmal ganz seltsam an, als ob sie nicht wisse, was sie von ihm halten solle. Er fühlt es ganz tief innen, sie misstraut ihm noch immer. Er weiß es schon lange, dass sie ihn nicht so lieben kann wie Bettina, nie wird sie ihn so lieben können: so frei und unbeschwert, so zärtlich und sorgsam. Aber Bettina, auch das fühlt er, fühlt es seit sie laufen kann, Bettina vertraut ihm, sucht seine Nähe, braucht ihn als Spielgefährten und Beschützer, ihn den großen Bruder, von dem niemand etwas wissen will.
Bettina, die abends ungestüm ihre Arme um seinen Hals schlingt, ihm einen feuchten Kuss auf die Wange drückt und ihm gute Träume wünscht.

Erste Begegnung auf dem Spielplatz (Melanie, Karl, Tonne)

Schwanzwedelnd kam der Hund auf sie zu und sprang an ihr hoch. Ohne Angst kraulte sie sein struppiges Fell und ließ es zu, dass er ihre Hand beschnupperte, spürte die kühle feuchte Schnauze auf ihrer Haut und war einfach glücklich.
„Tonne“, eine Stimme riss sie aus ihrem Glück und überrascht blickte sie in die Richtung, aus der der Ruf gekommen war. „Tonne, lass das, komm zu mir!“, diesmal klang die Stimme energischer und der Hund gehorchte widerstrebend. Da sah ihn das Mädchen zum ersten Mal, den jungen Mann, der vor ihr stand in auffälliger Kleidung, einen Müllsack in der einen Hand haltend, während er mit der Leine in der anderen Hand aufgeregt herumfuchtelte. „Komisch“, war ihr erster Gedanke.
Sie setzte sich auf eine freie Schaukel, begann sich rhythmisch in die Luft zu schwingen und ließ das seltsame Paar nicht mehr aus den Augen.
Der Mann mit der schmuddeligen, viel zu langen, an den Rändern ausgefransten Hose, begann systematisch im Papierkorb zu wühlen und ließ ab und zu etwas in dem Müllsack verschwin-den, den er anschließend sorgfältig mit einem Stück schmutziger Schnur verschnürte. An seinen bewegten Lippen konnte sie erkennen, dass er ununterbrochen vor sich hinmurmelte. Sprach er mit sich selbst oder mit dem Hund? Sie wusste es nicht. Die beiden waren zu weit von ihr entfernt.
„Tonne.“ Der Hund schien wohl „Tonne“ zu heißen, das klang irgendwie verrückt, aber auch lustig. „Tonne“. Mehrmals kostete sie es aus, diesen Namen auszusprechen, mal laut, mal leise, während der Hund und sein seltsamer Begleiter sich inzwischen vom Spielplatz entfernt hatten. Vielleicht waren sie unterwegs zu weiteren Papierkörben.
In Gedanken versunken schaukelte das Mädchen weiter, genoss das unablässige Auf- und Absteigen und hoffte, den beiden wieder zu begegnen, vor allem dem Hund.

Seit der ersten Begegnung trieb sie sich öfter auf dem Spielplatz herum, immer mit suchenden Augen, immer hoffend auf eine erneute Begegnung. Freunde hatte sie keine, da war es ziemlich egal, wo sie sich aufhielt. Allerdings, bei ihrer Mutter wollte sie nicht sein, zu Hause, das kein wirkliches Zuhause für sie war, sondern eine vergammelte Wohnung, in die sie keine Kinder mitbringen durfte, weil dann Gerüchte entstehen würden, die eigentlich keine waren, da sie ja der Wahrheit entsprachen: Ihre Mutter trank, leise, unauffällig, aber immer häufiger.
Überall entdeckte sie die verborgenen Flaschen, teilweise noch Reste enthaltend, stinkige Reste, die in ihr Ekel und Abscheu erzeugten. Heimlich schaffte sie die Flaschen weg, brachte sie, versteckt in Pappschachteln oder eingewickelt in altes Zeitungspapier, aus dem Haus. Keiner hatte ihr das aufgetragen, niemand hatte ihr verboten, Freunde mitzubringen, einzig ihre Scham verbot das einfach. Sie war sich absolut sicher, dass es nicht gut wäre, jemand in ihr Zuhause, zu ihrer Mutter zu bringen.
Ein Tier wäre da etwas anderes, ein lebendiges Wesen, das schweigen könnte, dem man alles anvertrauen könnte und mit dem man kuscheln könnte. Ein Tier, dachte sie sehnsüchtig, würde mich nicht verraten, sich nicht über mich lustig machen. Als Tier kam für sie nur ein Hund in Frage, aber ihre Mutter war strikt dagegen.
„Tonne“. So ein Hund wie Tonne, das wäre ihr ersehnter Freund. In Gedanken beschäftigte sie sich nun oft mit Tonne, überlegte, was sie alles mit ihm machen könnte, träumte von geheimen Abenteuern. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Zweite Begegnung auf dem Spielplatz ( Melanie, Karl, Tonne)

Nach Wochen erst traf sie den Hund und sein Herrchen wieder, an einem Tag, an dem sie nicht mit den beiden gerechnet hatte. Es nieselte und der Spielplatz war leer, als sie ankam. Minuten später entdeckte sie Tonne, der ihr, die Schnauze tief am Boden haltend, konzentriert schnüffelnd, entgegenkam. „Tonne“, rief sie leise, „Tonne, komm her.“ Sie ließ sich in die Hocke fallen und breitete die Arme aus. Tonne spitzte die Ohren, sprang stürmisch heran und warf sie beinah um, während sie ihn streichelnd festhielt und wie einen alten Freund begrüßte, das Gesicht in sein feuchtes Fell drückte, den bitteren Geruch einatmete.
Sein Begleiter, der junge Mann, der verlottert gekleidet war, kam ebenfalls näher und blickte sie zum ersten Mal aufmerksam an. Sie wich seinem Blick nicht aus, hielt ihm trotzig stand. Plötzlich bemerkte sie ein Aufleuchten in seinem Gesicht, als ob er sie erkannt hätte. „Engel“, murmelte er heiser, „mein Engel ist wieder da.“ Völlig unerwartet trat er auf sie zu und hielt ihr Gesicht mit beiden Händen fest, ganz kurz nur und mit unendlich zarter Geste und trotz-dem stockte ihr der Atem und sie hielt die Luft an, spürte einen Moment lang eine schreckliche Angst in ihrem Körper aufsteigen, die sich als Hilfeschrei lösen wollte. Da sah sie ihm erneut in die Augen, entdeckte dort nichts Böses, entdeckte freudige, ungläubige Überra-schung, Schmerz und Liebe. „Mein Engel“, flüsterte er immer wieder. Ein Gefühl der Beklommenheit ließ sie starr stehen bleiben, abwartend, was weiter geschehen würde. Abrupt wandte er sich wieder von ihr ab, das warme Leuchten auf seinem Gesicht, das ihn so jung erscheinen ließ im Gegensatz zu seinem alt wirkenden Körper, war erloschen. Gleichgültig strebte er wieder auf einen Papierkorb zu und machte sich daran, ihn zu durchwühlen, ohne ihr weiter Beachtung zu schenken.
Entschlossen näherte sie sich ihm und blickte ebenfalls neugierig in den Papierkorb, beobachtete gespannt, welche Dinge herausgefischt wurden und nach eingehender kritischer Begut-achtung im Müllsack landeten. Glitzernde Abfälle waren das, silberne Kaugummipapiere, Flaschendeckel, Stanniolpapier, Glasscherben.
Sie streichelte den Hund und redete leise mit dem Tier, da begann der Mann erneut sie wahrzunehmen.
Vorsichtig zog er etwas Zerknittertes aus seiner Jackentasche, warf einen langen Blick darauf und reichte ihr zögernd das schmutzige Etwas, das sie als ein kleines Bild erkannte, ein Sterbebild mit aufgedrucktem Foto. Sie nahm es neugierig in die Hand und betrachtete verblüfft das kleine Foto: Ein Mädchen blickte sie aus dunklen Augen aufmerksam an, ein Mädchen, das ihre Zwillingsschwester hätte sein können. Sie versuchte den Namen und die Daten darauf zu lesen. Bettina hieß das Mädchen, war vor vier Jahren gestorben an einem 10. August im Alter von fünf Jahren. Das tote Mädchen wäre jetzt genauso alt wie sie. „Mein Engel“, murmelte der junge Mann entzückt und ganz allmählich begann sie zu begreifen: Der Engel war wohl das junge Mädchen, der Engel hieß Bettina.
Der Mann benahm sich sehr seltsam. Wieder wühlte er in seiner Jackentasche und zerrte einen kleinen Gegenstand heraus, den er liebevoll anblickte und ihr stumm entgegenhielt. Als sie danach greifen wollte, steckt er ihn jedoch schnell wieder zurück in die ausgebeulte Tasche. Aber sie hatte schon erkannt, was er ihr gezeigt hatte: Es war eine winzige Puppe in Form eines Engels. Bettina, der Engel, sein Engel. Wer das wohl gewesen war?
„Ich heiße Melanie, und du?“, fragte sie den jungen Mann. Er reagierte nicht. Sie klopfte sich an die Brust: „Ich – Melanie und du?“, begann sie noch einmal. Endlich begriff er. „Karl“, sagt er, „ich bin Karl.“

Tonne sprang zufrieden um die beiden herum und blickte sie immer wieder abwartend an. Es war neu, dass sein Herrchen mit jemand sprach, der Hund fühlte das sofort.
„Was machst du da?“ wollte Melanie wissen.
Karl wühlte wieder im Müll.
„Schatz“, antwortete er.
„Du suchst einen Schatz?“, bohrte Melanie ungläubig nach.
„Schatz“, wiederholte Karl einsilbig.
„Wer ist Bettina?“,  fragte das Mädchen energisch.
„Engel. Mein Engel im Himmel.“
„Zeig mir Bettina noch einmal. Ich möchte das Bild noch einmal sehen“, forderte das Kind.
Karl hörte mit dem Herumwühlen auf und blickte sie erstaunt an. „Bettina. Zeig mit Bettina noch einmal. Bitte.“
Vorsichtig brachte Karl das kleine Bild erneut zum Vorschein, betrachtete aufmerksam das Foto und Melanie, vergleichend wanderten seine Augen vom Bild zum Kind. Endlich überließ er Melanie das Bild. Sie sah es aufmerksam an, fasziniert von der Ähnlichkeit, fast könnte es ihr Spiegelbild sein. Es erinnerte sie an eines der wenigen Bilder, die es von ihr gab, aufgenommen während sie die Zähne putzte und dabei Grimassen schnitt mit Schaum vor dem Mund.
Wie war das möglich? Diese Bettina sah ihr zum Verwechseln ähnlich.
Ein zarter Finger strich über ihr Gesicht, behutsam, leicht wie eine Feder. „Mein Engel ist wieder da.“
Hier lag eine Verwechslung vor. Sie begriff: auch Karl hatte diese Ähnlichkeit entdeckt, aber sie war nicht Bettina, war kein Engel, nein. Entschieden wandte sie sich ab. Karl schwieg, obwohl sie mehrmals versuchte hatte mit ihm über Bettina zu sprechen. Er zog sich in sich zurück, wirkte unnatürlich, beinahe feindselig und in ihr stieg Beklommenheit hoch. Sie dachte an die Mahnungen ihrer Mutter, der Lehrerin und auch der Kindergärtnerin, die sie immer in den Wind geschlagen hatte. „Geh nicht mit fremden Menschen mit, sie können dir Böses antun.“
Plötzlich tauchten Bilder auf aus dem Fernsehen, aus Zeitungen, vermisste Mädchen, auch Jungen, die tot aufgefunden worden waren, misshandelt, verscharrt, versteckt, zerstückelt. Hatte Karl Bettina umgebracht? Nein, dann gäbe es kein Sterbebild für ihn, oder doch?

Dritte Begegnung: Melanie verfolgt Karl heimlich
Es dämmerte schon, sie musste sich beeilen, um rechtzeitig zum Abendessen daheim zu sein, falls es eins gab. Nichts war sicher im Zusammenleben mit ihrer Mutter, nur auf eines war Verlass, es gab kein geregeltes Familienleben. Erstaunt lauschte sie oft den Berichten ihrer Mitschülerinnen, wenn sie über ihre Wochenenden berichteten, hörte von Zoobesuchen, Wanderungen, Ausflügen und Treffen mit Freunden. Auch sie wurde immer wieder freundlich aufgefordert, sich am Gespräch, im Stuhlkreis sitzend, zu beteiligen. Verbissen schwieg sie, lehnte jegliche Teilnahme ab. Erst in den letzten Wochen gab sie ihren Widerstand auf, berichtete ebenfalls, allerdings war alles erfunden. Am Abend vorher hatte sie es sich ausgedacht, ja sogar aufgeschrieben, damit sie sich nicht zu oft wiederholte. Es begann ihr sogar Spaß zu machen, zu lügen, ohne dass dies jemand ahnte, oder vielleicht ahnte die Lehrerin doch etwas, die hatte sie so prüfend angeschaut, aber weiter nichts dazu gesagt, was Melanie als stummes Einverständnis auffasste.
Jetzt aber hatte sie wirklich eine Geschichte, aber die würde ihr Geheimnis bleiben. Sie wollte herausfinden, was die Sache mit Bettina auf sich hatte. Sie musste mehr über Karl wissen. Über Karl und Tonne.
Seit der zweiten Begegnung begann sie immer öfter in Gedanken abzuschweifen, dachte immer häufiger über das Sterbebild nach.
Regelmäßig umkreiste sie den Spielplatz, aber Karl und Tonne tauchten nicht auf. Enttäuscht ging sie dann wieder heim oder, wenn sie dazu keine Lust hatte, trieb sie sich in den großen Möbelgeschäften im nahen Gewerbegebiet herum. Da wurde es nie langweilig, stundenlang konnte sie sich dort umsehen, Dinge in die Hand nehmen, Stühle ausprobieren, auf bequemen Sofas sitzen und Leute beobachten.
Am letzten Mittwoch flüchtete sie sich vor dem kalten Regenschauer wieder in das Möbelgeschäft, genoss die Wärme dort. Auf dem Heimweg warf sie prüfende Blicke zu den bis zum Rand gefüllten Papierkörben auf dem Parkplatz. Da entdeckte sie Karl, der gerade seinen blauen Müllsack, der ziemlich voll aussah, sorgfältig verschnürte und sich dann von ihr entfernte, Tonne an seiner Seite. Er hatte sie nicht bemerkt.
Ohne nachzudenken rannte sie den beiden hinterher und plötzlich kam ihr die Idee der heimlichen Verfolgung. So konnte sie vielleicht herausfinden, wo Karl wohnte. Der Gedanke machte sie froh. Karl bewegte sich ziemlich flott, schien jegliches Interesse an Müll verloren zu haben, hatte wohl ein bestimmtes Ziel im Kopf. Immer konzentriert darauf, die beiden nicht aus den Augen zu verlieren, achtete Melanie nicht auf den Weg und stellte schließlich überrascht fest, dass sie am Friedhof angekommen waren. Hunde waren dort eigentlich verboten, aber Karl kümmerte das nicht. Eilig durchquerte er das Gelände und fand in dem Geflecht der Gräberreihen den richtigen Weg. Endlich. Er blieb stehen. Melanie verbarg sich hinter einem Strauch. Karl öffnete seinen Müllsack und fischte darin herum, zog einen Gegenstand heraus, der kurz aufblitzte, als ihn ein Sonnenstrahl, der unerwartet hinter einer dunklen Wolke hervorbrach, traf und legte ihn auf das Grab. An den bewegten Lippen erkannte sie, dass er wieder vor sich hinmurmelte, ununterbrochen.