Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Fortsetzungsgeschichte

Hinweis an die Leserinnen und Leser: Bei dem Text „Tonne“ handelt es sich um eine Erzählung, deren Inhalt frei erfunden ist. Ich habe sie vor einiger Zeit geschrieben und werde sie nun in einzelnen Teilen vorstellen.

 

Freitag
Unterwegs im Zug

Abfahrt 11.40 Uhr! Melanie hatte nur diesen einen Gedanken im Kopf. Sie wollte mit Karl mitfahren, auf keinen Fall durfte sie den Zug verpassen. Sie wollte nichts vom Jugendamt wissen, wollte bei ihrer Mutter bleiben, aber jetzt musste sie weg, weit weg.
Schwer atmend erreichte Melanie den Bahnhof. Beinahe hätte sie an diesem Morgen verschlafen. Schon von weitem fiel ihr Karl auf dem Bahnsteig auf. Er hielt Tonne im Arm, was er sonst nie tat.
„Du fährst also doch mit?“, begrüßte er sie ungläubig. Seine Augen strahlten und Tonne wollte sich aus seinen Armen befreien, um an ihr hochzuspringen, aber Karl ließ es nicht zu. „Zu gefährlich“, murmelte er. Melanie besorgte am Kiosk noch Proviant für die Reise. Dann endlich fuhr der Zug ein und sie setzten sich in ein leeres Abteil und Melanie atmete erleichtert auf.
Schweigend blickten sie während der Fahrt aus dem Fenster, sahen draußen die Landschaft vorbeiziehen, spürten das gleichförmige, einschläfernde Rattern des Zuges, genossen das angenehme Gefühl des Unterwegs-Seins, des Alles-Zurücklassens, spürten wie sich ein grenzen-loses Freiheitsgefühl in ihrem Inneren ausbreitete.
„Wir haben es geschafft, Karl. Freust du dich?“ Melanie sah Karl an. „Ja, sehr“, erwiderte er und sie erkannte an seinen leuchtenden Augen, dass auch er sich freute. Immer wieder streichelte er Tonne, der zufrieden schlief, eingerollt unter der Sitzbank.
Der Schaffner störte ihre friedvolle Ruhe, als er die Fahrkarten verlangte. Melanie reichte sie ihm stumm, hoffte inständig, er würde keine lästigen Fragen stellen, und steckte sie erleichtert wieder in ihren Geldbeutel, nachdem der Mann, sie freundlich grüßend, das Abteil verlassen hatte. Sie waren lange Zeit allein im Abteil, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Draußen flog die Landschaft in rasender Geschwindigkeit vorbei.
Karl begann in seinem Rucksack zu wühlen. „Hast du Hunger?“, wollte Melanie wissen und griff gleichzeitig nach ihrem Rucksack, um ein eingewickeltes Päckchen herauszuziehen. Tonne wurde sofort wach und schnupperte in ihre Richtung. Sie entfernte das Papier und zog drei Wurstsemmeln heraus. Zwei hielt sie Karl hin, der gierig zugriff. „Die Wurst der einen Semmel gehört Tonne“, lachte Melanie, als sie sah wie der Hund aufgeregt Männchen machte, mit dem Schwanz wedelte und sie dabei bittend ansah. Karl warf Tonne die Wurstscheiben entgegen, der sie aus der Luft auffing und mit einem einzigen Bissen verschlang. Melanie biss hungrig in ihre Semmel.
„Wie ist deine Mama denn so?“, wollte sie von Karl wissen. „Ist sie nett?“ Karl nickte kauend. „Sehr nett“, murmelte er undeutlich. „Sehr traurig.“
„Wieso traurig?“, platzte Melanie heraus und wusste im gleichen Moment schon den Grund: Bettina, natürlich.
„Bettina ist tot“, sagte Karl.
„Und wie war Bettina?“, bohrte Melanie neugierig weiter.
„Unser Engel. Mama und Papa sagen: Bettina war unser Engel.“
Ungeduldig schüttelte das Mädchen den Kopf. Die Sache mit dem Engel kannte sie nun schon zur Genüge. Aber warum war Bettina ein Engel? Es musste doch etwas passiert sein. Was hatte Bettina angestellt?
„Warum ist Bettina tot?“
Karl schien nachzudenken. Er versank in Schweigen und blickte zurück in eine Zeit, als es Bettina noch gab. Wie ein Film lief der letzte Tag mit Bettina vor seinem geistigen Auge ab:

Sie spielen im Garten, bauen Türme aus Bauklötzen, hohe Türme, die nicht umfallen dürfen. Bettinas Turm stürzt immer wieder um, da wird sie wütend, er will sie besänftigen und lässt seinen Turm einkrachen, das bringt sie wieder zum Lachen und er hört sie doch so gerne lachen, so unbekümmert und froh. Plötzlich erscheint Mutter und sagt: ,Ich komme gleich wieder, muss schnell weg, Papa hat eine Autopanne, ich werde ihn rasch abholen. Pass gut auf Bettina auf, Karl, ruft sie noch, schon im Weggehen.
Minuten später hört er das Geräusch, ein Geräusch, das er noch nie gehört hat. Es kommt von der Straße, ein leises Fiepen, Jammern, Winseln, ganz weit weg und doch in der Nähe. Ohne auf Bettina zu achten, rennt er los, vergisst in diesem Moment seine kleine Schwester, rennt los, magisch angezogen von diesem seltsamen Geräusch. Angestrengt lauschend steht er am Gartentor, versucht die Richtung ausfindig zu machen, aus der diese seltsamen Töne kommen.

„Karl, träumst du?“ Ungeduldig durchdrang Melanies Stimme seine Gedankenwelt und riss ihn zurück in die Gegenwart.
Erschrocken starrte er sie an. Was wollte sie von ihm?
„Warum, Karl, sag, warum ist Bettina tot?“
Er konnte es nicht sagen, hatte keine Worte dafür, schüttelte abwehrend den Kopf und schau-te aus dem Fenster.
„Lass mich in Ruhe.“ Er flüsterte es fast, beinahe flehend klang es. Melanie spürte an dem ungewohnten Tonfall, dass sie nicht weiter fragen durfte und versank in betroffenes Schweigen. Tonne seufzte und klopfte mit dem Schwanz kurz auf den Boden, als wollte er die Stimmung der beiden aufhellen.

Mama. Mutter. Sie würde Karls Mutter kennen lernen. Heute noch, dachte das Mädchen. Dabei tauchte das Bild ihrer Mutter vor ihren Augen auf. Sie mochte ihre Mutter, gewiss, auch wenn sie oft miteinander stritten, auch wenn sie sah, dass ihre Mutter anders war, als die Mütter, die ratschend und lachend vor dem Schulhaus standen, auf ihre Kinder wartend, um sie mit dem Auto nach Hause zu bringen, wo sicher schon der Tisch gedeckt war und ein Essen bereitstand, so jedenfalls stellte Melanie sich das Leben mit anderen Müttern vor. Ihre Mutter dagegen arbeitete aushilfsweise in verschiedenen Betrieben, zu unterschiedlichen Zeiten. Manchmal war sie gut aufgelegt und zeigte Interesse an Melanie, fragte nach der Schule, nach Melanies Freunden, die sie sich erfand, da sie keine wirklichen hatte und ganz selten fragte sie auch nach ihren Wünschen. Ein Hund, das wusste sie inzwischen, war Melanies Lieblingswunsch, den sie ihr aber nicht erfüllen konnte oder wollte. Von Karl und Tonne hatte ihr Me-lanie noch nichts erzählt, die blieben ihr Geheimnis, das waren ihre einzigen Freunde. Sie wollte sie mit niemand teilen. Sie ahnte schon, was passieren würde: Vor Karl würde sie gewarnt werden, sie würde ihr vor ihm Angst machen, ihr vielleicht sogar verbieten, sich mit ihm zu treffen. Das wollte sie unbedingt vermeiden.
Was aber war, wenn ihre Mutter sich heute Sorgen um sie machen würde, weil sie nicht nach Hause gekommen war? Ein unruhiges Gefühl beschlich sie auf einmal. Und Karls Mutter? Was würde sie sagen, wenn sie mit Karl und dem Hund unerwartet bei ihr auftauchten? Vielleicht war die Idee mit der Reise doch nicht so gut, noch dazu, da Karl sich wieder so abweisend verhielt.
Inzwischen waren zwei Männer in ihr Abteil gekommen. Geschäftsmänner wohl. Sie stellten vorsichtig ihre Aktenkoffer auf dem Boden ab, nicht ohne vorher einen misstrauischen Blick auf Tonne geworfen zu haben, der sie einfach ignorierte.
Melanie gähnte, lehnte sich zurück, spürte Tonnes weiches Fell an ihren Beinen, genoss die Wärme, die der kleine Hundekörper abstrahlte und schlief allmählich ein. Karl starrte weiter aus dem Fenster, reglos mit unbewegtem Gesichtsausdruck.
Die beiden Männer verließen beim nächsten Halt das Abteil, entfernten sich grußlos.
Da fielen auch Karl die Augen zu. Der Zug raste in gleichförmigen Tempo durch die eintretende Dämmerung.
An mehreren Bahnhöfen stoppte der Zug. Geräusche und Stimmengewirr von draußen dran-gen gedämpft bis in das Abteil von Melanie und Karl, Tonne spitzte im Halbschlaf kurz die Ohren, aber als weder Karl noch Melanie sich rührten, legte er seufzend seinen Kopf zwischen die Pfoten und döste weiter.
Plötzlich, der Zug ruckte stark beim Anfahren, schrak das Mädchen aus dem Schlaf hoch. Erschrocken sah sie sich um. Dunkelheit umgab sie, aber sie war nicht zu Hause, lag nicht in ihrem Bett. Ihre Hand lag auf einem Hundekopf. Alles wurde ihr wieder klar, in Sekundenschnelle: Sie unternahm mit Karl und Tonne eine geheime Reise.
Aber warum waren sie immer noch nicht am Ziel?
Sie klopfte Karl auf die Schulter:
„Wach auf.“
Karl bewegte sich nicht. Melanie gelang es im Abteil Licht zu machen. Endlich, vom grellen Licht geblendet, begann Karl zu blinzeln. „Wach auf, Karl, wir müssten schon längst da sein.“
Melanie blickte auf die Fahrkarten. Ankunft in N. um 17.21 Uhr. Ihre Armbanduhr zeigte 21.39 Uhr.
„Verdammt, wir sind zu weit gefahren, Karl. Wir müssen beim nächsten Bahnhof aussteigen. Los, wir packen schon mal alles zusammen.“
Aufgeregt griff Melanie nach ihrem Rucksack, legte Tonne an die Leine, der erwartungsvoll zu wedeln begann in Aussicht auf einen Spaziergang, reichte Karl seinen Rucksack.
„Mensch, Karl, jetzt wissen wir nicht, wo wir sind. Hoffentlich hält der Zug bald.“
Immer wieder blickte sie auf ihre Uhr. Unendlich langsam verging ihr die Zeit. Nach langen Minuten verlangsamte der Zug allmählich sein Tempo, Lichter tauchten von draußen auf, Ortsschilder flogen vorbei, helle Fetzen, unlesbar. Endlich. Der Zug stand, sie öffneten die Türen und stürzten hinaus auf den Bahnsteig, sich suchend umblickend: Wo waren sie nun? Karl deutete stumm auf das Schild, das sich auf der anderen Seite über dem Bahnhofseingang befand. Sie rannten los, fanden die Unterführung, die zur Bahnhofshalle führte, durchquerten sie, standen kurz darauf vor dem Schild. „F.“, las Melanie. „F? Mensch, Karl, wir wollten doch nach N.“ Panik stieg in ihr hoch. Sie begann auf einmal zu frieren, fühlte sich so hilflos. Jetzt standen sie weit weg von daheim und auch weit weg von Karls Mutter. Ganz allein. Sie schaute Karl an, der schweigend dastand und keine Ahnung hatte, was zu tun war. Von ihm konnte sie keine Hilfe erwarten. Warum war der auch so komisch?
Tonne sprang an ihr hoch, fühlte sich wohl auch verlassen, fremd in dieser Umgebung. Doch langsam verebbte ihre aufkeimende Verzweiflung. Sie waren doch nicht ganz allein. Sie waren zu dritt. Kein Grund zum Heulen, redete sie sich ein.
Einige vorübergehende Reisende starrten sie verwundert und neugierig an. Ihnen war klar, die zwei kannten sich nicht aus. Bevor sie denen verdächtig erschienen, mussten sie den Bahnhof verlassen. Niemand sollte doch wissen, was sie vorhatten.
„Komm, Karl“, energisch zog Melanie Karl an der Hand weiter. „Wir suchen uns einen Schlafplatz. Morgen finden wir dann schon zu deiner Mama.“ Widerstandslos folgte ihr Karl.
Sie schritten über den erleuchteten Bahnhofsplatz, die Bahnhofsuhr zeigte 22.19 Uhr und Melanie entschied sich spontan für eine Richtung, ohne nachher sagen zu können, warum sie gerade diese gewählt hatte. Sie liefen lange eine ruhige, kaum beleuchtete Straße entlang, die immer schmaler wurde und schließlich in einen Park führte. Nostalgische Straßenlaternen er-hellten halbwegs die angelegten Spazierwege. Karl zeigte auf Papierkörbe, die in großen Abständen die Wege säumten, Melanie sehnte sich nach einer Bank. Sie brauchte Ruhe, um zu überlegen, was weiter zu tun sei. Der Weg bog um eine Kurve und da entdeckte sie eine Bank, die etwas abseits stand, von Sträuchern halb verborgen. „Die Bank Karl, schau die Bank dort, die nehmen wir.“
Karl nickte und folgte ihr. Das Holz der Bank fühlte sich kalt an und ungemütlich. Sie rückten näher zusammen, suchten die Wärme des anderen. „Was jetzt?“ Karl blickte sie ratlos an. „Essen, wir essen erst etwas, dann überlegen wir weiter.“ Mit diesen Worten reichte Melanie Karl noch eine belegte Semmel und ein Stückchen Schokolade. „Gib Tonne auch noch etwas.“ Karl zog einen Wassernapf aus dem Rucksack hervor, füllte ihn mit Wasser aus der mitgebrachten Flasche und ließ Trockenfutter daneben auf den Boden fallen. Während Tonne geräuschvoll schlürfte und krachend sein Futter zerbiss, aßen Karl und Melanie schweigend ihre Semmeln.
Lange Zeit saßen sie wortlos und müde nebeneinander, versunken in eigene Gedanken.
„Du, Karl, ich muss mal, ganz dringend.“ Melanie spürte plötzlich einen gewaltigen Druck auf ihrer Blase.
„Ich verschwinde kurz, bin gleich wieder da“, erklärte sie dem verblüfften Karl. „Den Hund nehme ich mit, ja?“ Sie verschwand mit Tonne rasch im Dickicht.
Karl beachtete Melanie nicht. Er dachte an seine Mutter. Schon längst sollte er bei ihr sein. Melanie würde ihr dabei helfen, wieder gesund zu werden. Melanie wäre eine neue, eine andere Bettina. Alles würde wieder gut werden. Seine Mutter müsste bloß Melanie kennen lernen. Melanie würde bei ihnen bleiben, auch sein Vater würde sich freuen. Er war überzeugt davon. Die schrecklichen Bilder würden ihn nie mehr verfolgen, ihn nie mehr aus dem Schlaf reißen oder sogar aus seinen Tagträumen, er konnte sie nicht verbannen, so sehr er es auch versuchte.

Unvergessen

Er steht am Gartentor und lauscht. Da, er hört es wieder, das seltsame Geräusch. Rechts. Da steht eine Mülltonne, abgestellt, am Straßenrand gegenüber, bereit zur Leerung, das Müllauto kommt gleich, er muss schnell sein, will wissen, was das Geräusch bedeutet. Er rennt los, über die Straße auf die Tonne zu, reißt den Deckel hoch, greift blind hinein und zieht ein lebendiges Fellbündel heraus, das jämmerlich fiept.

Unerwarteter Besuch

Laute Stimmen reißen ihn heraus aus seiner Traumwelt. Karl blickt geblendet vom Licht mehrerer Taschenlampen in fremde Gesichter, in spöttische Augen, sieht grinsende Münder, vernimmt hämische Worte, deren Sinn er nicht versteht, senkt den Kopf, starrt auf dreckige Stie-fel, die ganz nahe seinen Füßen sind, bedrohlich nahe. Plötzlich spürt er das Gewicht fremder Körper auf seinen Füßen, wird hochgerissenvon mehreren Armen gleichzeitig, wird geschüttelt, angeschrien, ist unfähig zu antworten, bringt einfach kein Wort heraus, schweigt, da erhält er einen Schlag ins Gesicht, einen Hieb in den Magen, sackt zusammen, krümmt sich vor Schmerz, immer noch stumm, nimmt hilflos hin, dass er in den Rücken geboxt wird, ringt nach Luft, den Mund weit geöffnet, hängt zwischen fremden Armen, die ihn auf den Boden zwingen wollen, gnadenlos.
„Tonne, fass!“, gellt da eine schrille Stimme ganz in der Nähe. „Fass, Tonne.“ Ein weißes Knäuel wirft sich laut knurrend in das Gewühl aus fremden Beinen und Armen. „Verflixter Köter, hau ab.“ Drohende Stimmen. Immer wieder rast Tonne in das Gewühl, beißt, zerrt, reißt, fasst mit seinen Zähnen, was er zu packen bekommt, jault auf, wenn er von Fußtritten getroffen wird, gibt nicht auf, will zu Karl. „Hilfe!“, schreit Melanie. Ununterbrochen. „Hilfe!“
Erst als Tonne an ihr hochspringt und dann wieder Karl umkreist, bemerkt Melanie, dass sie wieder allein sind, zu dritt allein. Karl stöhnt leise. Er liegt am Boden, die Hände vor das Ge-sicht gepresst, zusammengekrümmt wie ein Embryo im Mutterleib. „Karl. Karl.“ Melanie streichelt ihn. Berührt vorsichtig seinen Kopf, seinen Rücken. „Sie sind weg. Karl, sie sind weg.“ Immer wieder, wie eine Mutter mit ihrem Kind spricht, so wiederholt Melanie die immer gleichen Worte, will Karl beruhigen, besänftigen. „Du blutest ja.“ Warmes Blut tropfte auf ihren Finger, Blut aus Karls Nase. „Diese Schweine“, flucht Melanie. „Ihr verdammten, ekligen Schweine, Ich hasse euch“, schreit Melanie mit erstickter Stimme, ehe sie in fassungsloses Schluchzen ausbricht.

Samstag, 4.10 Uhr
Karl erwacht im Krankenhaus in F.

„Karl.“
Melanie beugte sich zu Karl. Ganz nah. Er sah so fremd aus. Sie erschrak und zuckte zurück. Dieses weiße Gesicht. Der weiße Verband. So fremd. Die Haare so kurz auf einmal. Die Augen geschlossen. Das weiße Hemd. War Karl jetzt ein Engel? Aber da lag die ihr vertraute Hand auf der Bettdecke. Sie strich sanft über die Finger. Immer wieder. „Karl?“
Er blinzelte mit den Augenlidern, geblendet von dem grellen Licht.
„Er wacht gleich auf“. Eine ältere Schwester nickte ihr aufmunternd zu, zog einen Stuhl ans Bett. „Setz dich.“
Melanie saß da, schweigend, wartend.
„Mein Engel“, flüsterte Karl mit heiserer Stimme.
„Karl, ich bin’s. Wie geht es dir?“

Werbeanzeigen