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Fortsetzungsgeschichte

Hinweis an die Leserinnen und Leser: Bei dem Text „Tonne“ handelt es sich um eine Erzählung, deren Inhalt frei erfunden ist. Ich habe sie vor einiger Zeit geschrieben und werde sie nun in einzelnen Teilen vorstellen.

Wochen später

Karls Vater

1. Tagebucheintrag (10. Oktober)

Gestern bei Sibylle gewesen. Die Ärzte haben mir wenig Hoffnung gemacht. Schwere Depression lautete ihre Diagnose. Sie weigert sich mit einem Psychologen zu sprechen. In der Klinik halten sie sie für selbstmordgefährdet und stecken sie in eine geschlossene Abteilung bis sie bereit ist sich einer Therapie zu unterziehen. Sie behandeln sie mit Medikamenten, stellten sie ruhig, machten sie müde, sagten, Schlaf wäre gut, würde ihr helfen.
Sie war mir so fremd geworden. Kann ein Mensch sich so schnell verändern? Ich weiß nicht, ob sie mich wirklich erkannt hat in ihrer künstlichen Schläfrigkeit.
Ich habe ihr erzählt, immer wieder, wie notwendig wir sie brauchen, wie sie uns fehlt, vor allem Karl frage immer wieder nach ihr und Tonne suche sie im ganzen Haus, kann nicht begreifen, der kleine Hund, dass sie weg ist. Weit weg ist. Unerreichbar auch für mich, der doch neben ihrem Bett sitzt und ihre kalte Hand hält und sie streichelt, unerreichbar scheint sie in Tiefen des Seins abgetaucht, zu denen ich und auch die anderen um sie herum keinen Zugang haben.
Die Ärzte meinen, ich sollte immer wieder kommen und mit ihr reden, auch wenn es momentan aussichtslos erscheine, an sie heranzukommen. Ich werde es versuchen.

2. Tagebucheintrag (14. Oktober)

Heute kam es mir vor, als ob sie ein bisschen reagierte hätte auf meine Worte, sie zuckte kaum merklich zusammen, als ich Karl erwähnte. Was ich ihr nicht erzählte, verschwieg war, dass Karl für mich immer mehr zum Problem wird. Er verschwindet nun tagelang aus dem Haus und ich beginne jedes Mal zu befürchten, er kommt nicht mehr heil zurück, oft war ich schon kurz davor, die Polizei um Hilfe zu bitten, nachdem ich mit dem Fahrrad auf der Suche unterwegs war, um ihn zu finden, aber jedes Mal kam er doch wieder zurück, suchte seine Mutter zuerst in der Küche und dann im ganzen Haus, begleitet von Tonne, der aufgeregt in allen Ecken schnüffelte und deinen Schuh herbeizerrte und mir auffordernd vor die Füße warf, mich anblickend, als wolle er f ragen: Wo ist sie denn, mein Frauchen?
Karl sieht schlecht aus und fragt immer wieder: Ist sie tot? Ist sie nun ein Engel wie Bettina?
Was soll ich da erklären, einem der so wenig zu verstehen scheint und doch mehr ahnt, als wir alle, so denke ich manchmal wirklich, auch wenn du mich für verrückt erklären würdest, so denke ich jedenfalls.
Ich habe Karl versprochen, dass er dich besuchen darf. Er muss sich davon überzeugen, dass du noch lebst. Aber wie wirst du in deiner Erstarrung auf ihn wirken? Davor habe ich Angst, vor Karls Reaktionen fürchte ich mich. Und auch davor, wie du auf Karls Anwesenheit reagieren wirst.
Die Ärzte sind einverstanden. Wir werden einen Versuch wagen. Das nächste Mal komme ich mit Karl und natürlich auch Tonne, aber der muss draußen warten. Aber vielleicht geht es dir bis dahin schon besser und wir können alle drei bzw. vier gemeinsam im Garten spazieren gehen.
Das Essen ist auch ein Problem: Am Abend bringe ich Karl aus der Krankenhauskantine etwas mit, morgens frühstücken wir gemeinsam und ich richte ihm immer etwas her, das er alleine mittags essen kann, eine Brotzeit. Ich habe ihm verboten, den Ofen zu benützen, weil ich befürchte, er könne damit Unsinn machen oder vergessen, die Platte wieder auszuschalten. Noch klappt es einigermaßen. Die Wohnung sieht allerdings chaotisch aus. Wir brauchen dich wirklich, aber nicht als Putzfrau, sondern als meine Frau und Karls Mutter.
Mit wem soll ich sprechen? Mit Karl ist es schwierig, du weißt das ja. In der Klinik belasten mich einige tragische Fälle sehr, wie soll ich andere trösten und beruhigen, wenn ich selbst dringend Trost bräuchte? Aber ich darf sie das nicht fühlen lassen, versuche es jedenfalls, aber es gelingt sicher nicht immer und erstaunlicherweise erfahre ich oft Trost und Ermutigung von Menschen, von denen ich es am allerwenigstens erwartet hätte.

3. Tagebucheintrag (15. Oktober)

Gestern haben wird dich also gemeinsam besucht. Karl weiß jetzt, wo du zu finden bist, er hat eine Vorstellung von dem Ort, der dich für uns in nächster Zeit unerreichbar macht. Es ging besser als ich dachte. Trotz deiner Müdigkeit konntest du Karl anlächeln und er ließ es sogar zu, dass du seine Hand gehalten hast, länger als den üblichen Moment eines Händedrucks. Natürlich konnte ich nicht so lange bleiben wie an den anderen Tagen, Karl wurde unruhig und Tonne wartete vor der Tür im Garten der Klinik, wo eine freundliche junge Schwester ihn auch mit Wasser und Futter versorgt hatte. Trotzdem, Karls Unruhe wirkte sich auf dich aus, ich konnte es an deinen Augen sehen, die ständig hin und her wanderten, als suchten sie etwas. Noch immer bist du mir sehr fremd und unerreichbar. Aber die Ärzte sprechen schon von kleinen Erfolgen: Du bist inzwischen mehrmals freiwillig aufgestanden, hast lange Zeit aus dem Fenster geblickt, hast reagiert auf Fragen der Schwestern. Nächste Woche wollen sie, dass du mit den anderen Patienten gemeinsam zum Essen kommst, um deine Reaktion zu prüfen: Kannst du allmählich wieder in eine Gemeinschaft zurück oder verweigerst du den Kontakt zu anderen. Sie haben auch vor, eine Gesprächstherapie zu beginnen, auch wenn du überwiegend noch schweigst, aber das wäre kein Einzelfall beruhigten sie mich, sie würden dich so lange schweigen lassen, bis du bereit wärest, zu reden. Das erinnert mich ein bisschen an Verhörmethoden und ich fühle mich gar nicht wohl dabei. Wie wirst du darauf reagieren? Ich würde dir gerne helfen, aber du bleibst auch in meiner Gegenwart stumm. Bin ich der Grund für deine Depression? Ich habe mein Verhalten dir gegenüber schon mehrmals hinterfragt und kann keine ausreichenden Gründe für den Ausbruch dieser schrecklichen Krankheit entdecken. Aber das ist es ja gerade, die Unfähigkeit des Erkrankten, darüber zu reden, gerade weil er selbst nicht weiß, woher sie kommt, sie überfällt ihn aus scheinbar heiterem Himmel. Ich suche auch ständig nach Anzeichen, die wir nicht genug beachtet haben, zu wenig ernst genommen haben.

Karls Mutter

Brief (20. Oktober)

Lieber Stefan,

nun haben sie Dir wohl gesagt, Du solltest mir Briefe schreiben, da ich nicht bereit sei, mir Dir zu sprechen.
Natürlich freue ich mich, wenn Du mir schreibst, wie sehr Du mich magst und darauf wartest, dass ich zurückkomme. Möglichst bald, wie Du das hoffst und vor allem auch Karl, der mich sucht und auch auf mich wartet. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie schwer es mir fällt, selbst diese Worte zu schreiben. Es strengt furchtbar an, sich aufzuraffen, sich den Befehl zu geben, Dir zu antworten, weil Du mein Mann bist und verdient hast, dass ich Dein Bemühen anerkenne. Eine kurze Antwort wenigstens, so hast Du geschrieben, ein paar Zeilen schon, sie würden Dich glücklich machen und mich ein bisschen aus meinem Tief herausreißen, würden auch mir gut tun, denkst Du.
Aber ich kann Dich nicht trösten, da ich selber Trost brauche und jemanden, der mich versteht. Dir kann ich vieles nicht sagen, denn es würde Dich zu sehr belasten, du könntest es nicht ertragen, es würde wie eine unüberwindbare Mauer zwischen uns entstehen. Nein, vieles darf ich Dir nicht zumuten, ich spüre das. Selbst den Ärzten wage ich nicht die Wahrheit zu sagen, obwohl ich immer deutlicher spüre, immer sicherer weiß, es muss etwas passieren, sonst ersticke ich daran. Verzeih mir, dieser Brief wird Dich nicht erreichen, vielleicht gelingt es mir, Dir an einem anderen Tag die von Dir gewünschten Zeilen zu schreiben. Ich lasse Deinen Brief auf meinem Nachtkästchen liegen, zur Erinnerung, damit ich es nicht vergesse.

1. Tagebucheintrag (21. Oktober)

Seit gestern bin ich nicht mehr allein in meinem Zimmer. Eine junge Frau liegt jetzt im Bett neben meinem. Wir passen gut zusammen: sprechen beide nicht. Es ist unangenehm, ich komme mir ständig beobachtet vor, liege im Bett mit geschlossenen Augen und fühle ihre neugierigen Blicke auf mir. Ich kann mich aber auch täuschen: sobald ich die Augen öffne, blickt sie ganz woanders hin oder hat ebenfalls die Augen geschlossen. Bis jetzt weiß ich nur ihren Namen: Claudia Werben. Habe ihre Stimme kaum gehört. Sie wirkt sehr verzweifelt, aber wer ist das nicht in dieser Klinik, vor allem in dieser Abteilung. Geschlossen. Eingeschlossen. Verschlossen. Im Gefängnis der Gefühle. Umschlossen von düsteren Gedanken, die unsere Worte festhalten und nicht loslassen wollen, nicht durchdringen lassen wollen an die Oberfläche um gehört zu werden, verstanden zu werden, bewertet zu werden, gewichtet zu werden.

2. Tagebucheintrag (22. Oktober)

Claudia hat mich zum ersten Mal angesprochen, nach einer Woche. Sie wollte das gerahmte Foto auf meinem Nachtkästchen anschauen, das Bild von Karl und Bettina. Stumm habe ich es ihr gereicht. Lange und sehr aufmerksam hatte sie es angeschaut, ehe sie mir das Bild zurückreichte und leise „Danke“ murmelte. Sie wühlte plötzlich in ihrer Tasche und zog etwas in einem Umschlag heraus. Neugierig geworden beobachtete ich sie weiter: Behutsam entnahm sie dem Umschlag ein Ultraschallbild, das sie mir zögernd reichte. Stumm blickte ich darauf, um irgendetwas erkennen zu können. Es wirkte sehr verwirrend. Claudia legte einen Finger an eine dunkle Stelle und flüsterte kaum vernehmbar: „Mein Kind, mein Junge.“ Der Schmerz dieser jungen Frau fuhr wie ein Messerstich in mein Inneres, mein Interesse war geweckt. Fragend sah ich sie an und dann wieder auf das Bild. Wo ist ihr Kind?, dachte ich, wagte aber nicht danach zu fragen.
Als hätte Claudia meine Gedanken erraten, antwortete sie mir. „Abgetrieben.“ Ein Wort, das wie ein Faustschlag einschlug.
Ehe ich etwas sagen konnte, riss sie mir das Bild aus der Hand und sperrte sich in der Toilette ein. Die Wirkung dieses Wortes breitete sich im Zimmer aus wie wie dunkler Rauch, nahm mir den Atem. Ich verließ das Zimmer und schloss auffallend laut die Tür, um ihr ein Zeichen zu geben. Du kannst wieder herauskommen, ich werde dich nicht mit Fragen belästigen, vor denen Du Dich fürchtest.
Auf dem Gang lief mir ein Arzt über den Weg, der sehr erfreut darüber war, so sagte er jedenfalls, dass ich nun schon in der Lage sei, allein das Zimmer zu verlassen. Ein Schritt auf dem Wege zur Gesundung.
Er hatte keine Ahnung. Ich bin geflohen vor dem fremden Schmerz, der sich mit meinem Schmerz verbünden wollte.

 

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