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Liebe Leserinnen, lieber Leser, hier veröffentliche ich meine Kurzgeschichte “Das Experiment” (Teil 1 und Teil 2)

Tagebuch – Dienstag 

Am nächsten Tag in der Wüste schafften wir es, uns zu organisieren: Stefan, wir nannten ihn Chef, teilte die Gruppen nach Leistungsfähigkeit ein. Ältere und gesundheitlich angegriffene Personen wurden zu einfacher Tätigkeit aufgefordert: Sie hatten die Bücher zu sortieren. Es gab Stapel von Büchern, deren Inhalt der Entspannung und Ablenkung von unserer Situation dienen konnten und es gab Stapel von Büchern, die das nötige Sachwissen enthielten, um uns aus dieser aussichtslosen Lage befreien zu können. Und es gab Stapel von Büchern, die zum Verfeuern dienten. „Kein Leben ohne Bücher.“ Klang der Name der Bücherausstellung nicht wie eine Herausforderung? Wir wollten, ja mussten über-leben mit Büchern. Wir nahmen die Herausforderung an. 

Es gelang uns tatsächlich, mit allen möglichen Teilen, die wir in dem Bücherraumschiff fanden, einen besseren Sonnenschutz zu bauen, um Schatten zu haben und Schutz vor der vernichtenden Kraft der Sonne. Aus den Trümmern der bei der Landung zerborstenen Bücherregale machten wir bei anbrechender Dunkelheit ein Feuer, das Licht und Wärme spendete.

Wasser und Nahrung fehlten. Woher nehmen?  

„Kein Leben ohne Bücher.“ Zu unseren wichtigsten Büchern wurden diejenigen von Überlebenskünstlern, von Expeditionsteilnehmern, von Wüstenforschern. Zum Glück hatten wir eine kleine Auswahl dabei. Wir begannen zu studieren, wie man ohne jegliche Erfahrung in der Wüste überleben konnte. 

Erste Schwächeanfälle traten auf. Anna und Karin, fühlten sich nur noch schlapp und erschöpft, wollten sich nicht an unseren Plänen beteiligen. Das durfte Stefan nicht zulassen, denn das wäre ihr schneller Untergang und es würde auch zu Verweigerung bei den anderen führen. Also wurden Thomas und Hannes zu ihren Begleitern ernannt, die die Aufgabe hatten, sie zu unterstützen und zu ermutigen. Ebenso wie Robert wurden sie aufgefordert einfache Aufgaben zu erfüllen.

Die Wassergewinnung wurde zu einer fast unlösbaren Aufgabe. Eine Gruppe von fünf Männern war dafür verantwortlich: Stefan, unser Chef, Matthias, Paul, Hannes und Thomas. Sie mussten sich aus den Büchern die notwendigen Informationen beschaffen und vor allem mit unseren minimalen Mitteln verschiedene Möglichkeiten ausprobieren.  

Fasziniert las Dr. Wenz wie die Überlebenden versucht hatten Wasser zu gewinnen. Er selbst hatte nie länger darüber nachgedacht, wie das möglich wäre in der Wüste zu Wasser zu gelangen. Unglaublich: Er überflog die Skizzen, die mit ungeübter Hand, aber durchaus nachvollziehbar angefertigt worden waren.

In den Sand wurden Mulden gegraben, die mit Planen oder ähnlichem abgedeckt wurden, an der tiefsten Stelle befand sich unter der Abdeckung ein Gefäß, das das gewonnene Wasser – entstanden aus Verdunstung und Kondensierung – sammelte. Das sollte möglich sein? Nun ja, er war kein Experte in Sachen Überlebenskunst, aber es klang realistisch und schien funktioniert zu haben. 

Nur geringe Wassermengen standen uns nun zur Verfügung. Wir durften sie nur äußerst sparsam verbrauchen. Jeden Abend mussten wir dieses Vorgehen wiederholen. Ein Schluck Wasser wurde zum Kostbarsten, was wir hatten. 

Keine unnötige Bewegung tagsüber, um Wasserverlust durch Schwitzen zu vermeiden! Schutz vor Hitze und Sonne suchen, erst am Abend bewegen. Das wurden unsere wichtigsten Regeln.

Schuhe, Kleidungsstücke ausschütteln, um sicher vor unliebsamen Überraschungen zu sein wie Skorpionen, Spinnen und Schlangen.

Aber wir mussten längerfristig auch Nahrung beschaffen. Insekten? Pflanzen? Wurzeln? 

„Kein Leben ohne Bücher.“ Wir nutzten die freie Zeit, um zu lesen, schöne Texte, Gedichte, Märchen, die alle ein gutes Ende fanden, Liebesgeschichten – jeder hatte seine besonderen Vorlieben. Die Bücher gaben uns Kraft, Mut und Zuversicht, wenigstens für ein paar Stunden. Wir versuchten ganze Textstellen auswendig zu lernen und sie einander vorzutragen, immer in der Hoffnung, unsere verzweifelte Lage dadurch zu vergessen, sie besser verdrängen zu können, um den nahenden Wahnsinn, der sich erahnen ließ abwenden zu können. Alle wussten es, jeden Tag mussten Bücher verbrannt werden, die Auswahl wurde immer geringer: Waren es zuerst scheinbar unnütze Bücher wie z. B. über Mode oder Gartenbau, so rückten unsere wirkungsvollsten Bücher allmählich dem Stapel der zu verbrennenden Bücher immer näher. Niemand sprach es aus, aber alle dachten: Was dann? Wie lange würden wir unsere Texte und Gedichte noch auswendig aufsagen können? 

Intensivstation

Samstag

Dr. Jawara bittet Dr. Wenz um Hilfe. 

1 Uhr 30. Endlich. Das Serum ist eingetroffen. Jetzt muss alles schnell gehen. Gemeinsam mit Dr. Jawara, der Dr. Wenz um Unterstützung gebeten hatte, wird dem Kranken das Antivenin mittels Infusion verabreicht.

Gleichzeitig weiteres Monitoring.

1 Uhr 40. Plötzlicher Blutdruckabfall als Hinweis auf eine allergische Reaktion, der seltenen aber gefürchteten Nebenwirkung auf das Anitvenin. Allergischer Schock. Zustand des Kranken verschlechtert sich; nur mit erneuten starken Mitteln gelingt es seine Vitalfunktionen aufrechtzuerhalten, ihn zurückzuholen, zumindest in den Zustand wie vor der Gabe des Antiserums.

Zu alldem äußert Dr. Wenz bei Kontrolle der Wunde auch noch den Verdacht auf ein Kompartmentsyndrom: Gewebe schwillt nach der Bissverletzung an, kann sich aber nicht ausdehnen. Der Druck steigt, das Gewebe nimmt Schaden. Starke Schmerzen.

1 Uhr 45. Dr. Wenz entschließt sich nach kurzer Besprechung mit Dr. Jawara eine Fasziotomie durchzuführen. Er fordert kurzfristig ein Operationsteam an: Anästhesist und OP-Schwestern bereiten den Patienten vor.

2 Uhr 10. Durchführung der Fasziotomie ohne sofortigen kompletten Wundverschluss.

2 Uhr 40. Erfolgreiche Druckentlastung im Bein erkennbar, die Durchblutung und die Nervenleitung scheinen wieder zu funktionieren. Auch der Allgemeinzustand des Patienten hat sich stabilisiert, seine Schmerzen deutlich nachgelassen. Entwarnung – vorläufig.

Die Wachphasen des Operierten wurden im Laufe des Tages zusehends länger. Die weitere Beobachtung der Vitalfunktionen und die Kontrolle und Überwachung der Wunde ließen eine zunehmende Besserung erkennen. Endlich zeigte das Antivenin wohl auch seine eigentliche Wirkung, nicht nur die Nebenwirkungen.

Dr. Wenz war erleichtert: Sein Patient war außer Lebensgefahr, er würde wieder gesund werden, aber es würde dauern, lange Zeit. Ein endgültiger Verschluss der Wunde durch eine Naht würde in der Regel erst nach Ablauf von mehreren Wochen möglich sein. Er konnte also noch einige Zeit mit dem Unbekannten verbringen und er war fest entschlossen, mehr über diesen Mann zu erfahren.

Was hatte er in der Wüste erlebt? Würde er davon berichten können aufgrund seines Gedächtnisverlustes?

Endlich – der Arzt konnte aufatmen und sich von der anstrengenden Nacht erholen. Sein Dienst war bereits seit Samstagabend zu Ende. Noch wollte er die Klinik nicht verlassen. Das Tagebuch beschäftigte ihn ununterbrochen, aber er brauchte dringend ein paar Stunden Schlaf, ehe er endlich weiter darin lesen konnte.

Tagebuch – Mittwoch 

Schwerer Notfall am frühen Morgen.

Paul hatte sich gleich nach Sonnenaufgang von unserem Lageplatz entfernt, er glaubte in einiger Entfernung einen Strauch entdeckt zu haben, dessen Wurzeln als Wasserquelle dienen könnten. Plötzlich ließ uns ein durchdringender Schrei auffahren. Erschrocken folgten wir Pauls Fußspuren im Sand und fanden ihn in einiger Entfernung keuchend auf dem Boden liegend, beide Hände auf den rechten Oberschenkel gepresst. „Schlange“, flüsterte er heiser. „Sie hat mich gebissen.“ Paul wollte schon aufstehen, aber das ließen wir nicht zu. War die Schlange giftig gewesen? Wir befürchteten es, also war Vorsicht geboten.

Hannes und Thomas setzten ihn auf und trugen ihn auf ihren Armen gemeinsam zurück in unser Lager. Dort betteten wir ihn im Schatten, redeten beruhigend auf ihn ein. Von dem wenigen Wasser, das wir noch hatten, flößten wir ihm in kurzen Abständen schluckweise etwas ein. Die Wunde wurde mit einem Tuch abgedeckt, das Bein ruhiggestellt. Wir versuchten Paul Mut zuzusprechen und machten ihm Hoffnung auf baldige Rettung. Innerhalb von wenigen Minuten schwoll das verletzte Bein stark an, Paul klagte über zunehmende Schmerzen und seine Stirn fühlte sich zunehmend heißer an. Unsere Befürchtung war zu bitterer Gewissheit geworden: Es war tatsächlich eine Giftschlange gewesen.

Am Nachmittag schrie Matthias plötzlich aufgebracht: „Tauben – da fliegen Tauben“ und deutete aufgeregt zum Himmel, an dem tatsächlich – kaum noch erkennbar zwei Tauben über uns flogen und allmählich aus unserem Blickfeld entschwanden. Waren das bereits erste Anzeichen beginnenden Wahnsinns? Hatten wir schon Halluzinationen?  

Wenige Stunden später – kurz vor Einbruch der Dunkelheit entdeckte Anna eine tote Taube im Sand.

Wir waren zunächst sprachlos, dann brach es aus uns heraus: „Wo Tauben waren, mussten Menschen in der Nähe sein … aber Tauben in einer Wüste, wer glaubt daran?“  

Bevor eine wilde Diskussion darüber losbrach, ob wir nun verrückt seien, an einer Einbildung litten oder ob es tatsächlich Tauben waren, versuchte uns Matthias zu beruhigen. „Es waren tatsächlich Tauben und ich weiß jetzt auch, wo wir uns ungefähr befinden: in Afrika in der Nähe von Johannesburg, denn dort findet jährlich ein Wettfliegen von Brieftauben statt, das unter Taubenzüchtern ganz berühmt ist. Mein Onkel hat mir davon berichtet, denn er wollte mit seinen Tauben schon lange daran teilnehmen.“ Wir starrten ihn ungläubig an und unsere Gedanken begannen wie wild zu kreisen, um sich über mögliche Folgen für unsere Rettung klar zu werden. 

„Wo Tauben sind, da sind auch Menschen und unterwegs der Flugstrecke befinden sich womöglich Funker, vielleicht auch Amateurfunker, die das Ganze beobachten und darüber Meldung geben. Funker – diese Leute könnten unseren Standpunkt herausfinden und uns Hilfe schicken.“ Erregtes Gemurmel brach aus, Wortfetzen flogen durch die Luft, alle waren in Bewegung, neue Hoffnung keimte auf. 

Obwohl die Nacht mit Kälte und Dunkelheit inzwischen hereingebrochen war, wollten alle noch darüber reden, was als nächstes zu tun sei. Funken – Amateurfunk, wer hatte da eine Ahnung? Vorerst niemand, aber noch hatten wir einige Sachbücher zur Verfügung, die eventuell weiterhelfen konnten. „Kein Leben ohne Bücher.“

Wir durften unseren Plan, mehr über die Möglichkeit des Funkens zu erfahren nicht länger aufschieben. Die Zeit drängte, Paul brauchte dringend Hilfe. Er hatte starke Schmerzen und Fieber.  Kaum einer konnte ruhig schlafen, jeder dachte an eine nahe Rettung, wälzte sich unruhig hin und her. 

Sie werden es kaum glauben, aber einigen – genauer gesagt unseren beiden Studenten der Elektrotechnik, Hannes und Thomas – gelang es noch in derselben Nacht, wichtige Informationen über das Amateurfunkwesen herauszufinden. Sie begannen unser Bücherraumschiff und unsere Handys nach verwertbaren Teilen zu durchsuchen, um eine Funkstation bauen zu können. Aber – alles war noch ungewiss: Würde das möglich sein? Würde das funktionieren? Und vor allem wann? 

Tagebuch – Donnerstag 

Irgendwann in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag schickten uns Hannes und Thomas zur Ruhe. Sie wollten weitermachen – abwechselnd – beschlossen sie. Ich bin mir sicher, dass in dieser Nacht keiner gut schlief. Wir legten uns hin und lauschten weiter angestrengt unseren angehenden Funkern und den Geräuschen, die zu vernehmen waren. Keine menschliche Stimme ertönte – nur Rauschen und Knacken waren zu hören. Kurz vor Sonnenaufgang klangen auch die Stimmen der Funker erschöpft und matt. Sie legten eine kurze Pause ein, ehe sie weiter machten mit ihren Versuchen, angetrieben von einer enormen Anspannung und der Hoffnung auf Erfolg.

Aber erst am frühen Nachmittag war es soweit: eine primitive Funkstation stand bereit, ein erster Versuch sollte unternommen werden. In erwartungsvollem Schweigen versammelten wir uns um Hannes und Thomas, unsere Funker.

Immer wieder wurde der Funkruf wiederholt:

„MAYDAY, MAYDAY – DIES IST EIN HILFERUF VON NEUN PERSONEN, WIR BEFINDEN UNS IN NOT, ÄRZTLICHE HILFE IST ERFORDERLICH, MANN WURDE VON EINER SCHLANGE GEBISSEN. WIR SIND AUS UNERKLÄRLICHEN GRÜNDEN IN DER WÜSTE GELANDET. WIR KONNTEN ZWEI TAUBEN AUF IHREM FLUG SEHEN, EINE TOTE TAUBE WURDE GEFUNDEN!“  

Erwartungsvolle Stille breitete sich unter uns aus: Alle warteten auf eine Antwort. Rauschen ertönte – Stille – Knacken – Knistern. 

Plötzlich änderten sich die Geräusche – menschliche Stimmfetzen waren zu vernehmen. Noch klangen die Stimmen undeutlich und die Sprache war fremd. Alle waren aufs äußerste gespannt, unsere Funker wiederholten ihren Hilferuf in verschiedenen Sprachen. Wieder gespanntes Warten. Sekundenlanges Schweigen. Funkstille. Rauschen. Knacken. Knistern. Und dann eine menschliche Stimme: 

„WIR HABEN DEN HILFERUF VERNOMMEN. ACHTUNG, WIR SUCHEN EURE POSITION. SOFORT STARTEN ZWEI HUBSCHRAUBER, UM EUCH ZU FINDEN. HALTET DURCH! MACHT EUCH BEMERKBAR!“ 

Da brach die Verbindung ab. Trotz mehrmals wiederholter Funkversuche konnten wir keine Antwort geben. Ich blickte auf meine Armbanduhr, die noch funktionierte: 15 Uhr. 

Stefan suchte schon seit Stunden verzweifelt nach einem Buch über Schlangen in Afrika, in der Wüstenregion, Giftschlangen.

Endlich. Stefan hielt einen Reiseführer in der Hand mit Fotos von gefährlichen Tieren, darunter auch Schlangen. „Welche Schlange war es?“, bedrängten wir Paul, der leise stöhnte, über starke Schmerzen klagte. Ich hielt ihm die Bilder vor die Augen. Nachdem er mehrmals den Kopf geschüttelt hatte, schrie er unerwartet auf: „Die – genau die war es.“ Er deutete auf das Bild einer afrikanischen Puffotter, einer gefährlichen Giftschlange.

Tagebuch – Während der Nacht von Donnerstag auf Freitag 

Wir hatten es geschafft! Es hatte geklappt. Hilfe würde kommen. Wir standen wie erstarrt, ein – zwei Sekunden lang, dann lagen wir uns erschöpft in den Armen, lachend und weinend – gleichzeitig. Die Angst fiel wie ein tonnenschweres Gewicht von uns ab. Eine einzige Nacht lag noch vor uns. Ich rannte zu Paul, wollte ihn beruhigen, „Paul, gerettet, wir werden gerettet, du schaffst das! Sie holen uns mit einem Hubschrauber!“

Stunden später. Mitten in der Nacht.

Ich schreckte aus einem unruhigen Schlaf hoch. Ungewohnter Lärm hatte mich geweckt. Hubschrauber. – Ein knatterndes Geräusch, das sich langsam näherte, die Nacht durchdrang, immer lauter wurde, bedrohlich laut. Ein unerklärliches Unbehagen überkam mich, da stimmte etwas nicht. Ich rannte zu Paul, warf rasch einige Jacken über ihn. Warum – ich konnte es mir nicht erklären. „Bleib ruhig“, flüsterte ich ihm zu, versteckte mein Buch und einen Stift unter seinen Jacken. „Schreib weiter, später.“ 

Intensivstation

Sonntag

Am Sonntagnachmittag besuchte Dr. Wenz den Kranken erneut. Das Tagebuch hatte er in der Hand und zeigte es dem Mann, der keine Ahnung zu haben schien, was das zu bedeuten hatte. Er las ihm aus dem Buch vor und beobachtete die Reaktion des Patienten. Gleichgültigkeit zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Immer wieder schloss er die Augen und fiel in einen leichten Schlaf.

Am späten Abend trat Dr. Wenz wieder vor das Bett. Er hielt das zerfetzte Bild einer Frau in der Hand, zeigte es dem Mann. „Diese Frau – war sie bei euch in der Wüste? Es müssen mehrere Personen gewesen sein. Denken Sie nach!“ Leichtes Kopfschütteln war die Antwort.

Dr. Wenz blätterte immer wieder suchend in dem Tagebuch, als ob er etwas übersehen hätte. Auf einmal entdeckte er einige Wörter, nach vielen leeren Seiten, die in einer anderen Schrift geschrieben waren, schief hin gekritzelt, kaum zu entziffern, in unterschiedlicher Buchstabengröße. Hubschrauber – Nacht – Hilfeschreie – alle weg.

Das hatte ein anderer geschrieben.

Wieder las er dem Geretteten diese Wörter vor, ließ sie ihn selbst lesen, mehrmals. Da ertönte plötzlich das Propellergeräusch eines Rettungshubschraubers, der von der Klinik aus startete und in diesem Augenblick zuckte der Mann zusammen mit vor Angst geweiteten Augen. Panisch wollte er sich reflexartig die Decke über den Kopf ziehen, wollte unsichtbar sein. Aber vor wem und warum?

Dr. Wenz beruhigte ihn. „Keine Gefahr, das ist ein Rettungshubschrauber.“ Als wieder Stille eingekehrt war, setzte sich der Mann im Bett auf und griff nach dem Tagebuch. „Wo sind die anderen? Wo ist Rita?“, wollte er wissen.

Allmählich schienen einzelne Erinnerungsfetzen aus dem Nebel des Vergessens aufzutauchen. Der Arzt zeigte ihm das Bild der Frau erneut. „Rita“, murmelte der Mann „ich habe alles aufgeschrieben. Wo bist du?“ Er begann wieder unruhig zu werden. „Alles ist in Ordnung. Versuchen Sie zu schlafen, Sie sind bald wieder gesund. Wie heißen Sie eigentlich?“ „Paul, Paul Grassner“, flüsterte er und schlief ein.

Nachdenklich verließ der Arzt das Zimmer, das Tagebuch fest in der Hand haltend.

Intensivstation

Die folgenden Wochen

Im Verlauf der folgenden Wochen besuchte Dr. Wenz täglich seinen Patienten, immer mit dem Buch in der Hand, immer mit der Hoffnung das Erinnerungsvermögen von Paul wieder aktivieren zu können. 

An folgenden Donnerstag blätterte er in seiner Mittagspause in einer Tageszeitung, wollte sie schon schließen, da fiel sein Blick auf einen Artikel mit einer Überschrift, die seine Aufmerksamkeit erregte:

„MYSTERIÖSES AUFTAUCHEN VON DEUTSCHEN PERSONEN IN DER AMBULANZ DES KRANKENHAUSES IN BUJUMBURA, BURUNDI.

Am Mittwoch erschienen acht Personen in der Ambulanz des Krankenhauses und baten um Hilfe. Sie waren auf der Suche nach einer weiteren Person und wussten nicht, wie sie auf den Parkplatz vor dem Krankenhaus gelangt waren, konnten ihre Namen angeben und ihren Herkunftsort, sich jedoch nicht ausweisen, wirkten sehr verwirrt und sprachen von einem Aufenthalt in einem anderen Krankenhaus, von Operationen und Behandlungen. Genaueres war nicht zu erfahren. Eine der Personen hatte starke Schmerzen. Eine ärztliche Untersuchung ließ erkennen, dass alle Personen frische Operationsnarben aufwiesen, die auf eine Organentnahme hindeuteten. Weitere Untersuchungen ergaben bei fünf Personen, dass eine Niere fehlte und bei den drei anderen war ein Lungenflügel entfernt worden.

Wer waren diese mysteriösen Organspender? Trotz einer durchgeführten Nachfrage in allen Krankenhäusern, die Organverpflanzungen vornehmen, konnten in letzter Zeit nur wenige Organ-Empfänger ausfindig gemacht werden, die jedoch nachweislich andere Spender hatten.“

Unterhalb des Artikels befand sich ein kleines Foto der erwähnten Personen, die trotz der geringen Bildgröße deutlich zu erkennen waren. Es handelte sich um drei Frauen und fünf Männer, alle unterschiedlichen Alters. Eine Frau glaubte er bereits schon einmal gesehen zu haben: Rita, die Frau auf dem Foto, das an der Absturzstelle aufgetaucht war.

Dr. Wenz starrte wie elektrisiert auf das Foto und den Artikel, las ihn zum wiederholten Mal und spürte plötzlich, dass es da einen Zusammenhang gab mit Paul. Er begann das Ungeheuerliche zu ahnen, das da passiert sein könnte, wagte aber nicht, es zu glauben: Wehrlose Menschen als unfreiwillige Organspender missbraucht?

Minuten später nahm Dr. Wenz telefonischen Kontakt mit dem Chefarzt des Krankenhauses in Bujumbura auf und berichtete ihm von seinen Erfahrungen mit Paul Gassner, dem ungewöhnlichen Flugobjekt und seiner Vermutung aufgrund des Tagebuches: Menschen waren Opfer eines organisierten Organhandels geworden. Davon war er nun überzeugt und auch davon, dass es zwischen Paul und der Personengruppe einen Zusammenhang gab. Der Chefarzt versicherte ihm, er werde weitere Nachforschungen einleiten und ihn auf dem Laufenden halten.

Zwei Stunden später stand Dr. Wenz bei Paul am Krankenbett. Er zögerte, dann entschloss er sich zu einem Experiment. Er las den Zeitungsartikel vor, zeigte dem Kranken das Foto, der wie aus dem Nichts aufgetauchten Personen. Mehrmals. Paul ließ keinerlei Reaktion erkennen. Anschließend las der Arzt aus dem Tagebuch die Stelle vor, von der er annahm, dass Paul sie geschrieben hatte und beobachtete Pauls Gesicht dabei. Nichts veränderte sich in dessen Ausdruck. Danach reichte er ihm das ausgebleichte Bild der Frau, das an der Absturzstelle entdeckt worden war. „Rita. Sie hat Sie gerettet, sie hat Sie versteckt vor dem falschen Hubschrauber.“ Dr. Wenz legte auch das Zeitungsfoto auf Pauls Bettdecke und deutete auf das Gruppenbild. „Und hier ist wieder Rita“, erklärte er, indem er mit seinem Zeigefinger auf eine Frau verwies, deren Kopf er farbig umrahmt hatte.

Paul schaute den Arzt verwundert, aber interessiert an, betrachtete abwechselnd die beiden Bilder, dann griff er nach dem Buch. „Ich lasse Sie jetzt allein. Lesen Sie!“, forderte Dr. Wenz ihn freundlich, aber bestimmt auf. „Vielleicht kommt die Erinnerung zurück.“

Am nächsten Tag las ihm der Arzt erneut den Zeitungsartikel vor, zeigte ihm die Bilder. Mehrmals. Paul blieb stumm.

„Paul, ich glaube, ich weiß jetzt, wer Sie sind. Sie sind die gesuchte Person.“ Erst nach kurzem Zögern nickte Paul zustimmend. 

Der Arzt war inzwischen fest davon überzeugt, dass Pauls Erinnerungsvermögen zurückkehren würde. Allerdings brauchte das seine Zeit, er würde geduldig sein müssen. Aber noch war Paul im Krankenhaus, unter seiner ärztlichen Obhut. Leider zeigte er keine erkennbaren Reaktionen, die auf eine Rückkehr des Gedächtnisses schließen ließen. Seine körperliche Genesung machte dagegen deutliche Fortschritte, das Schlimmste hatte er wohl überstanden, aber wo sollte er nach seiner Heilung hin? Was ging in seinem Kopf vor? Sein Aufenthalt im Krankenhaus war begrenzt. Noch immer beunruhigte Dr. Wenz, dass Paul ihm nur seinen Namen gesagt hatte und auch den Namen seiner Heimatstadt, ihm aber keine Auskunft über seine Angehörigen geben konnte. Wohin sollte er sich nach seiner Entlassung wenden?

Eines Nachts – zwei Wochen nachdem Dr. Wenz Paul zum ersten Mal den Zeitungsauschnitt vorgelesen hatte – dröhnten wieder die Propeller eines Rettungshubschraubers durch die Stille. Wenige Minuten danach holte eine Schwester den Arzt an Pauls Bett. Er fand seinen Patienten in aufgewühlter Verfassung vor. Während Paul das Tagebuch in der einen Hand hielt, triumphierend wie eine Trophäe, winkte er ungeduldig mit der anderen Hand den Arzt zu sich heran.

„Hören Sie! Ich weiß wieder, was in der Nacht passiert ist!“, rief er aufgeregt.

„Der Hubschrauberlärm, das Rotorgeräusch! Ich erstarrte vor Schreck und Angst, vergaß in dem Augenblick meine Schmerzen, fragte mich: Was bedeutete dieser Höllenlärm? Die Hilfeschreie, laut, durchdringend, das Rotorgeräusch, das sich langsam entfernte und die Stille, die zurückkehrte und mich wieder umschloss wie einen Sarg. Ich fühlte es, jetzt war ich ganz allein. Warum hatten sie mich versteckt? Erschöpft schloss ich die Augen. ‚Schreib weiter!, hatte Rita geflüstert und mir ihr Tagebuch zugesteckt. Mühsam tastete ich nach dem Buch, in das sie jeden Tag geschrieben hatte, alles, was sie für wichtig befunden hatte, für die Nachwelt, hatte sie lächelnd hinzugefügt. Aber es war kein Scherz. Es gab nur noch mich. Allein – verletzt, ohne Hilfe. ‚Schreib weiter!‘ Also versuchte ich es, ehe ich zu schwach dazu wurde. Mit zitternden Fingern umklammerte ich den Stift, suchte  mühsam blätternd nach einer freien Seite und begann zu schreiben.“

 (Ende Teil 2)

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Danksagung 

An dieser Stelle möchte ich mich bei meinem wunderbaren Sohn bedanken, der mir diesen Blog vor ungefähr einem Jahr erstellt hat und mich seitdem dabei unterstützt ihn zu verwalten. Er war der erste Leser meiner Kurzgeschichte „Das Experiment“ und hat mir wertvolle Tipps und Anregungen zum besseren Verständnis für alle weiteren Leserinnen und Leser gegeben.  

Mein besonderer Dank gilt meiner besten Freundin, von Beruf Ärztin. Sie hat sich konstruktiv mit dem Inhalt der Geschichte auseinandergesetzt und mich vor allem bei der Klärung der vorkommenden medizinischen Sachverhalte hervorragend und äußerst geduldig beraten. Von ihr habe ich sehr viel gelernt über die Behandlung von Schlangenbissen und die Vorgehensweise von Ärzten.

 

 

 

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