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Liebe Leserinnen, lieber Leser, hier veröffentliche ich meine Kurzgeschichte „Das Experiment“ (Teil 1 und Teil 2)

 

In der Wüste

Der Arzt Dr. Wenz hielt ein zerfleddertes Notizbuch in der Hand und blickte ungläubig auf das Krankenbett, in dem der verletzte Mann lag. Diagnose: Schlangenbiss in den linken Oberschenkel. Der Mann befand sich in akuter Lebensgefahr. Er war bewusstlos und seine Stirn glühte vor Fieber.

Wie hatte dieser Mann überleben können? In der Hitze, im Sand der Wüste, ganz allein?

Er war der einzige Überlebende, der an der Absturzstelle eines geheimnisvollen Flugobjektes aufgefunden worden war. Er war allein und es waren in seiner näheren Umgebung keine weiteren Begleiter zu finden, obwohl gestern im eingegangenen Notruf beide Funker von neun Personen gesprochen hatten, von denen eine, wohl der Mann, von einer Schlange gebissen worden war.

Der ärztliche Notdienst war am Donnerstag, gegen 15 Uhr, alarmiert worden. Und sofort waren zwei Rettungshubschrauber gestartet, um sich auf die Suche zu machen. Einziger Anhaltspunkt: In der Nähe der Absturzstelle waren Brieftauben gefunden worden. Tot, wahrscheinlich vor Erschöpfung. Im Umkreis von Johannesburg, das der Austragungsort des bekannten „South African Million Dollar Pigeon Race“ war, bei dem mehr als 6000 Vögel aus aller Welt teilnehmen, hatten sie sich anscheinend verflogen, waren von ihrer Route abgekommen.

Alle möglichen Streckenverläufe wurden überflogen und der Wüstenboden genau kontrolliert. Es konnte in den nächsten Stunden trotz intensiver Bemühungen keine weitere Funkverbindung hergestellt werden. Aufgrund einer defekten Wärmebildkamera der Rettungshubschrauber musste die Suche während der Nacht eingestellt werden.

Erst am nächsten Tag entdeckten die Retter in den Nachmittagsstunden ein riesiges SOS-Zeichen im Sand, das auf die Absturzstelle verwies. Nach der Landung erkannten die Piloten und die Rettungsmannschaft, dass dieses Zeichen aus Büchern gebildet worden war. Büchern unterschiedlichster Art, zum Teil zerfetzt, verschmutzt, oft nur noch aus Buchdeckeln bestehend. Zunächst blieb keine Zeit für eine genauere Untersuchung.

Die Helfer erwarteten neun Personen und fanden nach intensivem Suchen – fast verborgen hinter einer Art notdürftig errichtetem Schutzzelt – eine einzige Person, den Mann mit dem Schlangenbiss, bedeckt mit mehreren Jacken. In der Brusttasche seines Hemdes steckte ein zerknittertes Blatt Papier mit einem Foto: vermutlich eine Seite aus einem Reiseführer, schlampig, scheinbar in Eile herausgerissen, als ob sie dort in letzter Sekunde entdeckt worden wäre.

Überrascht stellte der Arzt fest: „Puffotter. Der Biss stammt von einer gefährlichen Giftschlange.“ Dr. Wenz drückte dem Piloten rasch das Handy in die Hand: „Rufen Sie in der Klinik in S. an. Schnell, wir brauchen sofort das passende Antiserum. Der Biss stammt von einer Puffotter. Kümmern Sie sich darum. Das ist ein Notfall!“

Dem Arzt kam es wie eine Ewigkeit vor, ehe mitgeteilt wurde, dass das benötigte Serum von einer anderen Klinik angefordert werden müsste. Momentan sei keines zur Verfügung. „Notfall, das ist ein Notfall!“, rief Dr. Wenz aufgebracht ins Handy. „Wir brauchen das Serum – so schnell wie möglich!“

Ein prüfender Blick des Arztes genügte, um festzustellen, dass der Mann neben dem Schlangenbiss deutliche Symptome einer Exsikkose zeigte:

Trockene aufgesprungene Haut der Lippen und Nase. Die Zunge war dick und geschwollen, der Mann konnte kaum reden.

Dr. Wenz untersuchte die Bisswunde und versorgte sie mit Hilfe seines Helfers. Desinfektion – Anlegen eines sterilen Verbandes – Tetanusspritze – Ruhigstellung des Beines.

Mit großer Anstrengung gelang es dem Verletzten die Augen kurz zu öffnen. Er versuchte den Rettern mit letzter Kraft etwas mitzuteilen, war aber unfähig einen zusammenhängenden Satz zu sprechen. Obwohl sich der Sanitäter und der Arzt nahe zu seinem Mund neigten, konnten sie schwer verstehen, was der Mann mit heiserer Stimme flüsterte: „Zu spät … Hubschrauber war schon da – Hilfeschreie – alle jetzt weg.“ Für Dr. Wenz, der aus einer deutschen Familie in Namibia stammte, war es kein Problem, dass der Mann deutsch sprach. Er hatte ihn verstanden.

„Keine Angst, wir kümmern uns um Sie“, versuchte Dr. Wenz den Mann zu beruhigen, während er eine Infusion anlegte und sein Helfer Atmung, Bewusstsein und Herzfunktion überprüfte. Der Verletzte hörte seine Worte nicht mehr, er versank im Schweigen tiefer Bewusstlosigkeit.

Die Helfer legten den Verletzten behutsam auf eine Liege und brachten ihn in das Innere des Hubschraubers. Dort wurde sofort ein EKG geschrieben und Notfallmedikamente zur Herzstützung und Entzündungshemmung gegeben. Im Sofortlabor wurden u. a. Blutzucker und Gerinnung überprüft. Der Patient schien einen gefährlichen Blutverlust erlitten zu haben. Sein Zustand war äußerst kritisch.

Dr. Wenz warf einen besorgten Blick auf den Verletzten und beschloss, kein Risiko einzugehen und keine Sekunde länger zu warten. Er ließ sofort das Krankenhaus, an dem er arbeitete ansteuern, es war das nächstgelegene, auch  wenn es nicht besonders modern ausgestattet war, so musste es doch genügen, den Mann zunächst außer Lebensgefahr zu bringen. Sein Rettungsassistent kündigte sie dort über Funk an. Auf der Intensivstation wurde für die Ankunft und Weiterversorgung inzwischen alles Nötige vorbereitet.

Während der vierzigminütigen Flugdauer wurde der Zustand des Patienten weiterhin beobachtet und kontrolliert. Nach der Ankunft im Krankenhaus erfolgte dann sofort die Überwachung auf der Intensivstation und ständige Anpassung der Therapie abhängig von den auftretenden Symptomen.

Dr. Wenz legte dem Verletzten einen Blasenkatheter zur Kontrolle der Harnausscheidung. So war es möglich, ein drohendes akutes Nierenversagen aufgrund nierenschädigender, blut- und muskelzerstörender Gifteffekte rechtzeitig erkennen zu können. 

Der zweite Hubschrauber blieb vor Ort. Das Rettungsteam, bestehend aus einem weiteren Arzt, einem Sanitäter und dem Piloten durchsuchten zum wiederholten Mal die Umgebung der Absturzstelle und auch das Innere dieses seltsamen Flugobjektes, das einem querliegenden Raumschiff glich. Sie fotografierten das ungewöhnliche Flugobjekt sowie das SOS-Zeichen, geformt aus auf dem Boden verstreuten Büchern. Seltsamerweise waren keine Spuren aufzufinden. Trotz intensiver Suche war nichts zu erkennen, was auf die Anwesenheit mehrerer Personen schließen ließ. Die Landung – woher auch immer – war wohl nicht problemlos verlaufen. Das Flugobjekt lag der Länge nach im Sand und war teilweise zerstört.

Was war passiert? Sie versuchten sich an die Worte des verletzten Mannes zu erinnern. Was sagte er? „Zu spät … Hubschrauber war schon da – Hilfeschreie – alle jetzt weg.“

Es war eindeutig von mehreren Menschen die Rede, das stand fest. Wo aber waren sie geblieben?

Sobald der Mann wieder aus seiner Bewusstlosigkeit erwachen würde, könnte er ihnen vielleicht weitere Auskünfte geben.

Der Pilot bestand darauf, noch einmal das Innere des seltsamen Raumschiffes genau zu durchsuchen. Es musste doch etwas zu finden sein. Menschen hinterlassen Spuren, Abfälle. Irgendwo musste doch etwas zu erkennen sein. Irgendetwas. Noch einmal begaben sich die drei Männer in das Innere und blickten sich aufmerksam um: Teile von Büchern lagen verstreut auf dem Boden, gesplittertes Holz kaputter Regale, Glassplitter zertrümmerter Fensterluken.

Plötzlich fiel der wachsame Blick des Piloten auf unscheinbare schwarze Punkte, die sich emsig am Boden bewegten. Ameisen? Eine Ameisenstraße war deutlich zu erkennen. Die Männer verfolgten den Weg der Ameisen, suchten unter den Büchern. Tatsächlich – die Tiere transportierten unermüdlich winzige Krümel, Papierteilchen, Stofffäden, kaum erkennbare Holzsplitter. Unbeirrbar steuerten sie ihr Ziel an: Sie verschwanden wie ferngesteuert in einem Spalt im Boden.

Kurz darauf entdeckten die Männer unter einem Haufen Glasscherben ein Bild, darauf war – kaum noch zu erkennen, von der Sonne ausgebleicht – das Gesicht einer jungen Frau zu sehen. Dunkle Haare, kurz geschnitten, freundliches Lächeln, helle Augen.

Als Dr. Wenz seinen Patienten fürs Erste versorgt wusste, fiel etwas von der Daueranspannung von ihm ab, die er nur zu gut von anderen Notfalleinsätzen kannte. Er schlug das Notizbuch auf.

Tagebuch – Montag 

Diese Zeilen sind eine letzte Nachricht, eine letzte Hoffnung einiger, die es gewagt haben sich noch zu Büchern zu bekennen. Sie werden lachen, sollten Sie jemals von dieser Botschaft zu hören bekommen. Sie werden ungläubig den Kopf schütteln, sie nicht glauben wollen, ja nicht glauben können, so unfassbar erscheint sie. Und doch behaupte ich, dass ich nichts als die Wahrheit sage, die Wahrheit soweit sie mir bewusst ist. Was soll das alles, werden Sie fragen und sich mit anderen Dingen beschäftigen wollen. Ich aber rate Ihnen, obwohl es unbequem ist, lesen Sie meine Botschaft, vielleicht können Sie uns noch retten oder aber sich selbst und viele andere, die ebenso bedroht sind wie wir alle.

Welche Bedrohung, wollen Sie wissen. Sie leben schon lange genug angesichts drohender Umweltkatastrophen, angesichts des über uns schwebenden Damoklesschwertes der Atombombe und selbst der Kriege in unserer Nachbarschaft, die ihre furchteinflößende Wirkung auf uns längst verloren haben. Welche Bedrohung nun also?

Neben all den bekannten Bedrohungen, an die wir uns schon fast gewöhnt haben solange sie uns nicht selbst betreffen, wächst noch völlig unbemerkt mitten in unserem Land eine neue, noch nie dagewesene Gefahr. Aber nun genug, ich muss meine Kräfte einteilen, um noch ein paar Tage überleben zu können, in der Hoffnung auf Hilfe von irgendwoher in irgendeiner Form. 

Wie es genau passierte, daran habe ich keine Erinnerung mehr. An den Tag allerdings kann ich mich genau erinnern, denn noch habe ich die Eintrittskarte samt Datum und sogar Uhrzeit aufbewahrt: Montag, 5. April, 14 Uhr. Die Fahrkarte ins Unglück sozusagen. Mit vielen anderen besuchte ich damals die seit langem angekündigte Bücherausstellung in unserer Stadt. „Kein Leben ohne Bücher“, so stand es in riesigen bunten Buchstaben auf den Plakaten mit denen überall in unserer Stadt für diese Ausstellung geworben worden war. Einmalig, unvergesslich sollte sie sein.

Das Wetter war denkbar schlecht, aber Leute, die gerne lesen, störte das nicht. Es regnete heftig. Immer wieder neu herabprasselnde Regenschauer, gemischt mit Hagelkörnern und starke Windböen trieben die Besucher, die sich in die Ausstellung gewagt hatten in die Ausstellungszelte und vor allem in die „Attraktion“: Zum ersten Mal war zu diesem Zweck ein raumschiffähnliches Gebäude geschaffen worden, das der Länge nach auf dem Boden liegend einem Buch glich, das mit der weithin sichtbaren Aufschrift „Kein Leben ohne Bücher“ einen Menschenstrom anzog und ihn einlud, sich in sein Inneres zu begeben, um die ausgestellten Bücher bewundern zu können.  

Eine enge Wendeltreppe führte in sein Inneres. Zu beiden Seiten schmaler Gänge waren Bücher ausgestellt, seltsamerweise völlig ungeordnet, was mir aber nicht gleich auffiel. Die Enge in dieser Bücherrakete erinnerte mich an das Innere eines U-Bootes, sie erdrückte mich fast und erzeugte ein be­klemmendes Gefühl in mir, so als ob ich in einer Blechdose gefangen wäre. Plötzlich konnte ich kaum mehr schlucken und verspürte das gierige Verlangen nach einem Schluck Wasser und kühler Luft. Das war meine letzte Erinnerung und was dann geschah, wie es geschah, ja überhaupt möglich war, bleibt für mich im Ungewissen. 

Tatsache aber ist, nach unbestimmter Zeit befanden wir uns alle noch in diesem Bücherraumschiff, allerdings an einem anderen Ort, in einem anderen Land. Wir starrten benommen aus den schmalen Luken, die bei der Landung zum Teil zerstört worden waren und konnten es nicht glauben, wollten nicht erkennen, was wir mit eigenen Augen wahrnahmen: Wüste. Wüste um uns herum. Sand, heißer gelbrot glühender Sand, ein unermesslicher Reichtum an Sand umgab uns. Heiße Luft strömte durch die zerstörten Luken, nahm uns den Atem, drohte uns zu ersticken. Wir fühlten uns innerhalb von Sekunden wie in einem heißen Backofen. Schweiß bedeckte uns am ganzen Körper, klebte an uns, rann unaufhörlich unseren Körper hinab. Wir rissen uns die Regenkleidung vom Leib, wollten vorerst nur eines: Abkühlung und frische Luft. Stolperten unsicher aus dem Raumschiff, versammelten uns in dem wenigen Schatten, den es uns bot. 

Dann erst blickten wir uns an, um zu erkennen, mit wem wir denn da gefangen waren an einem Ort, der einer Verbannung gleichkam. Mit wem wir denn nun unser Leben teilen mussten, mit wem wir die vielleicht letzten Tage verbringen mussten.

Fassungslose, erwartungsvolle Blicke wurden getauscht. Jeder schien auf eine Erklärung des anderen zu warten. Das konnte doch nicht wahr sein, sich plötzlich in der Wüste zu befinden, das durfte so nicht sein. Angst, Empörung, Wut, Ohnmacht, Verzweiflung brachen aus, äußerten sich in aufkommender Panik. 

Intensivstation

Freitag

Der Patient bewegte sich, murmelte undeutlich. Aufmerksam beobachtete ihn Dr. Wenz. Rasch schloss er das Notizbuch, das er in der Hand gehalten hatte. Die Seiten fleckig, teilweise eingerissen und zerknittert, viele Wörter unleserlich, ausgebleicht. Wer hatte das geschrieben? Was war da passiert?

Später. Später, zwang er sich zu denken. Zuerst musste dem Mann geholfen werden. 

Trotz der eingeleiteten Maßnahmen zur Notfallversorgung versank der Kranke immer wieder in Bewusstlosigkeit. Haben wir etwas übersehen, überlegte der Arzt. Lag es am Zustand der Austrocknung? Er besprach sich mit einem Kollegen, der Erfahrung mit Schlangenbissen hatte. Vorerst war kein Versäumnis zu erkennen.

Die Wunde dagegen bereitete dem Mediziner Sorgen: Schwellung und fortschreitende Rötung am Oberschenkel, die gesamte Region wegen der starken Entzündung offensichtlich sehr schmerzhaft und äußerst berührungsempfindlich, Ödeme mit Blasenbildung um die Bissstelle herum, wahrscheinlich beginnende Nekrosen.

Nach weiteren Stunden der genauen Beobachtung und erneuten Kontrolle, auch der Laborwerte, konnte (gegen 22 Uhr) eine leichte Tendenz zur Stabilisierung festgestellt werden. Es gelang auch, den Patienten stündlich aufzuwecken und kurze Zeit wachzuhalten. Allerdings konnte er sich immer noch nicht zusammenhängend äußern.

Dr. Wenz nützte jede freie Minute, in der er nicht gebraucht wurde, um in dem Tagebuch weiter lesen zu können.

Als die ersten, zwei ältere Frauen, durchdringend zu schreien begannen, taten die beiden jungen Männer neben ihnen das einzig Richtige, sie hielten ihnen den Mund zu, versuchten es wenigstens, brauchten aber die Hilfe der anderen. Ratlos blickten die Helfer um sich, denn schon zeichneten sich auf einigen Gesichtern weitere Panikreaktionen ab.  

So durften wir nicht reagieren, das wäre für alle zu gefährlich. Ich blickte mich um, suchte mir schnell einige noch unbekannte Gesichter aus, nickte ihnen aufmunternd zu und stellte mich neben einen älteren Herrn, der ganz langsam immer heftiger zu zittern begann. Um ihn zu beruhigen, legte ich ihm sanft meine Hand auf den Arm.

Endlich sprach da einer, zerschnitt mit seiner wohltuenden Stimme den Vorhang der Angst und Düsternis, der uns zu ersticken drohte. Endlich übernahm da einer die Führung und somit die Verantwortung, war da einer bereit zu helfen. Alle atmeten auf. Die Gesichter entspannten sich, glätteten sich wie das Meer nach einem Sturm. Alle Augen blickten vertrauensvoll auf den einen, der sprach, ein hochgewachsener schlanker Mann, der Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte: „Ich bin Stefan Koller, 54 Jahre alt, verheiratet und arbeite seit zwanzig Jahren als Filialleiter in einer Sparkasse. Dort bin ich unter anderem auch verantwortlich für die Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Keine Sorge. Wir werden diese Situation gemeinsam durchstehen, wenn wir gemeinsam bereit sind, alles Mögliche zu tun. Wir sind zusammen“, er zählte rasch die Anwesenden „neun Personen. Wir dürfen nicht verzweifeln, denn wir können uns die Ideen von neun Gehirnen, die Erfahrungen ebenso vieler zu Nutze machen. Und“, er drehte sich um und deutete lächelnd auf das Innere des Flugobjektes, in dem die Bücher, wild durcheinander auf dem Boden lagen, „wir haben noch viele Helfer um uns. Am allerwichtigsten ist es, Panik zu vermeiden, darüber muss sich jeder von uns klar sein. Jeder.“ Mit Nachdruck sah er uns fest in die Augen, jedem einzelnen von uns, bis er durch ein Nicken die Bestätigung eingeholt hatte. 

In den nächsten Stunden machten wir uns miteinander bekannt. Unser Chef forderte uns zu einer Vorstellungsrunde auf.  

Thomas, 25 Jahre und Hannes 27 Jahre, zwei Studenten der Elektrotechnik, kannten sich vom gemeinsamen Studium an der gleichen Universität, wirkten ruhig und gefasst, als ob sie unsere Notlage nicht erschüttern könnte. Anna, 62 Jahre, gab an Hausfrau zu sein. Sie war Oma von drei Enkelkindern im Alter von drei, fünf und acht Jahren um die sie sich große Sorgen machte, weil sie befürchtete, sie nicht mehr wiedersehen zu können. Karin, alleinstehend, 58 Jahre, arbeitete als Altenpflegerin in einem Altenheim. Robert, 69 Jahre, ehemaliger Versicherungsangestellter, seit fünf Jahren im Ruhestand. Paul, 43 Jahre, verheiratet, eine erwachsene Tochter, war als Landschaftsgärtner bei der Stadtverwaltung angestellt. Matthias, 17 Jahre, angehender Bürokaufmann, befand sich im dritten Ausbildungsjahr. Als letzte stellte ich mich vor: Rita, 32 Jahre, Kindergärtnerin. 

Wir bestimmten Gruppen, die zu wachen hatten, während andere schliefen. Wir teilten uns ein in körperlich kräftige und geschwächte Personen. Wir durchsuchten unsere Taschen nach brauchbaren Dingen. Sonderbarerweise funktionierte keines der vorhandenen Handys mehr. Kein Empfang. Funkstille. Wir kontrollierten unseren Proviant, was sehr wenig war, denn keiner hatte damit gerechnet, in der Wüste zu landen und das für ungewisse Zeit.

Nur wenige hatten überhaupt Essensvorräte dabei, die sie nach kurzem Zögern mit den anderen teilten: einige Äpfel, ein Sandwich, mehrere Packungen Kekse und einige Powerriegel. Fast alle hatten dagegen Trinkflaschen, die zum Teil noch mit Wasser gefüllt waren.

Wir versuchten Bücher zu sortieren, die uns nützlich sein konnten. Aber die ungewohnte Hitze drang in unser Raumschiff, lähmte uns, ließ all unsere eben gewonnene Hoffnung schmelzen, Tropfen für Tropfen im Sand versickern. Wir mussten uns vor der Hitze schützen, auf den Abend, die Nacht mit ihrer Kühle warten. Aus allen geeigneten Kleidungsstücken – Regenmänteln und Jacken – und den zerbrochenen Teilen von Bücherregalen sowie der Bespannung der vorhandenen Regenschirme gelang es einigen von uns, vor dem Bücherraumschiff ein notdürftiges Zeltdach zu errichten, das ein wenig Schutz vor der Hitze gewährte. Reglos und stumm erwarteten wir unsere erste Nacht im Freien in der Hoffnung auf Abkühlung. 

Es dauerte. Stunde um Stunde wehrte sich zu vergehen. Zeit, die sonst immer kostbar, kaum verfügbar war, Zeit umgab uns nun in ungewolltem Ausmaß. Wir saßen, lagen hilflos herum, wühlten in dieser freien Zeit mit unseren Gedanken wie Maulwürfe in der Erde, schütteten Fragen auf, die beantwortet werden wollten – und immer noch blieb ein Übermaß von Zeit.  

Rilke. In dieser Lage an Rilke zu denken schien verrückt. Und doch fielen mir einzelne Wortfetzen seiner Gedichte ein, die ich genoss wie ein Stück Schokolade, ganz langsam auf der Zunge zergehend. „Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben! Sie zu halten, wäre das Problem …“ 

Endlich war die Temperatur erträglich und es war möglich, unsere erste Nachtsitzung abzuhalten. Wir sprachen über unsere Vorstellungen, wie wir überleben könnten. Wie lange, danach wagte keiner zu fragen, aber ich machte mir wenig Hoffnung. Dreißig Tage ohne Nahrung, drei Tage ohne Wasser. Aber diese Frage musste ignoriert werden, um Panik zu vermeiden.

Heute war Montag, der erste Tag. Heute bekam noch jeder etwas zu trinken. Heute noch … 

Intensivstation

Freitag

Die Schwester rief Dr. Wenz plötzlich. „Der Blutdruck fällt! Blutungen an der Bissstelle sind aufgetreten.“

Eilig warf Dr. Wenz das Buch auf seinen Stuhl und rannte in das Zimmer seines unbekannten Patienten. Die Schwester hatte die Blutung beim Verbandswechsel bemerkt. Der Arzt untersuchte die Wunde und das Gewebe im Umfeld. Bis auf die Blutung war der Zustand der Wunde unverändert. Die neuerlichen Laborwerte deuteten dazu passend auf eine Gerinnungsstörung hin, die Niere arbeitete allerdings noch gut.

„Wo bleibt das Antivenin?“, der Arzt wandte sich an eine weitere Schwester. „Rufen Sie bitte noch einmal in der Klinik in S. an. Wir brauchen es dringend. Es könnte seine Rettung sein.“

Der Patient befand sich wieder in einem Dämmerzustand, bewegte sich jedoch immer wieder und wirkte sehr unruhig. Ab und zu gab er undeutliche Laute von sich, fuchtelte aufgeregt mit den Armen, als wehrte er eine ihm drohende Gefahr ab. Die Schwester strich ihm beruhigend über die Stirn. Plötzlich bäumte der Mann sich auf, stieß einen gellenden Schrei aus und sank erschöpft wieder zurück. Der Arzt und die Schwester blickten sich an. „Glauben Sie, dass er Alpträume hat? Fieberphantasien?“, fragte die Schwester. Stumm nickte der Arzt.

Und erneut fragte er sich: Was war da passiert? Was haben wir übersehen? 

Schichtwechsel

Freitagabend 

Vor Beendigung seiner Dienstzeit besprach sich Dr. Wenz mit seinem Kollegen Dr. Jawara, der Nachtdienst hatte. „Denken Sie bitte daran: Kontrolle in kurzen Abständen! – Beibehaltung aller Intensivmaßnahmen, auch wenn es dem Patienten besser zu gehen scheint! Ich bleibe in der Klinik. Sie können mich bei Verschlechterung des Zustandes rufen. Jederzeit.“ 

Das zerfledderte Buch ließ Dr. Wenz nicht zur Ruhe kommen. Er hoffte auf eine Aufklärung dieser seltsamen Geschichte und begann im Arztzimmer weiter darin zu lesen. 

Noch war es möglich miteinander zu diskutieren, gemeinsam Ideen zu sammeln und erste Pläne für die nächsten Tage zu entwickeln, erste aufkeimende Ängste zu ersticken. Aber wie lange würde das funktionieren? Die lang ersehnte Nacht brachte uns eine unangenehme Kälte, die uns am Schlafen hinderte wie vorher die unerträgliche Hitze des Tages. Allen war klar, wir mussten irgendwie dafür sorgen, ein Feuer machen zu können und dazu geeignetes Brennmaterial finden. Voll wirrer Gedanken im Kopf ließ mich schließlich die Erschöpfung für einige Stunden in einen unruhigen Schlaf fallen, um wenigstens kurz dieser unglaublichen Situation zu entfliehen.   

(Ende Teil 1)

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