Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Liebe Leserinnen, lieber Leser, hier veröffentliche ich einzelne Kapitel aus meinem Buch “Wish you were here – Hilferuf einer Lehrerin“.

Kapitel 12 – Den Gang entlang (letztes Kapitel)

Am Ende des düsteren Ganges sah ich dich wartend stehen. schon ein bisschen ungeduldig. Endlich. Ich durfte die Verantwortung für kurze Zeit abgeben, du warst gekommen, um dein Projekt „Toleranz“ weiterzuführen. Nun wurde ich zum Beobachter.

Die Motivation der Schüler hatte allerdings bereits nachgelassen. Viele fühlten sich gekränkt, weil sie als einzige Klasse unserer Schule, diese Extrabetreuung erhielten. Sie fühlten sich bestärkt darin, die „schlimmste Klasse“ zu sein. Sie wollten nicht länger therapiert werden, brauchten keinen „Seelenklempner“. Vielleicht hatten sie Recht. Vielleicht schämten sie sich vor den anderen Schülern. Wie die Eltern sich zu unserem Projekt verhielten blieb ungeklärt. Die Kinder wollten es jedenfalls nicht mehr nötig haben, „behandelt“ zu werden.

Alles Vermutungen, die mir jetzt im Nachhinein durchaus denkbar erscheinen. Auch darüber hätte ich gerne noch mit dir geredet. Wish you were here.

Deine letzte Projektstunde fand ohne mich statt. Von meinem Chef erfuhr ich, du wolltest alleine mit den Kindern sein, hattest vor, später bei einer Tasse Kaffee dann noch mit mir über die Klasse sprechen.

Zugegeben, ein wenig enttäuscht war ich zunächst schon. Hatte ich doch gehofft, diesmal wäre endlich Zeit, eine Art Verhaltenstraining durchführen zu können. Endlich Praxis, statt Theorie. 

 „Was erwarten Sie sich eigentlich von Therapien? Versprechen Sie sich nicht zu viel davon.“ Mein Schulleiter

*

Es war mein freier Tag und deine letzte Stunde in dieser Klasse. Über deren Verlauf erfuhr ich nichts, weder von dir noch von meinem Schulleiter. Schließlich fragte ich bei den Kindern nach und Jürgen berichtete mir, dass du die Stunde abgebrochen hattest, weil die Klasse sich unmöglich verhalten hatte. Du warst nach Rücksprache mit dem Schulleiter einfach gegangen. Mein Chef hatte den Unterricht daraufhin übernommen.

Ich war entsetzt. Nichts hatte sich geändert. Die Schüler schwiegen teilnahmslos, niemand sprach den Ablauf dieser Stunde an.

Was damals niemand wusste: Es war deine letzte Stunde, die du an unserer Schule verbracht hattest. Tage darauf kam die schreckliche Nachricht. Motorradunfall, tödlich. Ein Sonntagsausflug ohne Rückkehr.

*

Kurz vor Acht. Ein schwerer Tag begann.

Schon auf dem Gang rannten sie mir entgegen, Michaela, Rita und Barbara, die Gesichter verweint, aufgelöst, ratlos, hilflos und ich spürte wie sich kalt die Angst in mir hoch schlich, die Angst vor dem, was ich gleich erfahren würde, ich wehrte mich innerlich, wollte nicht wissen, was ich schon wusste, meine Ahnung wurde zur grausamen Gewissheit, der verunglückte Motorradfahrer, von dem ich gehört hatte: du warst das gewesen. Gewesen, welch furchtbares Wort, gewesen, wo du doch sein solltest, hier, bei uns sein solltest. Tröstend legte ich den Arm um die fassungslosen Mädchen, verzweifelt hielten wir uns aneinander fest, stumm.

Wie sollte ich der Klasse mitteilen, was passiert war? Einige Schüler hatten es schon gehört, manche fragten nach, ob das auch stimme. Die meisten waren betroffen, nur der „harte Kern“ konnte sich keine Blöße geben und zog die trauernden Kinder ins Lächerliche.

Ich durfte das wohl nicht erwarten, aber ich tat es doch, erwarten, dass alle von deinem plötzlichen Tod berührt wurden, von dem Unbegreiflichen, dem Endgültigen, dass du nie mehr zu uns kommen wirst. Vorbei deine letzte Stunde, die du abbrechen musstest, keine Gelegenheit zur Wiederholung, keine Möglichkeit der Aufarbeitung.

Ich dachte an deine letzte Begegnung, dein letztes Gespräch mit mir und an die Tasse Kaffee, die wir zusammen trinken wollten. Wish you were here.

Wie gerne wäre ich geflüchtet, weit weg an einen verborgenen Platz, um mich der Trauer, die mir die Kehle zusammenschnürte, endlich überlassen zu können, um ungestört die Tränen weinen zu können, die ich gewaltsam zurückdrängte. Aber ich musste bleiben und – wollte ich nicht noch mehr verwundet werden – in eine Maske schlüpfen, die grausame Maske der Gleichgültigkeit. Das Versteckspiel begann.

*

Verstecken

Kann es sein, dass wir uns voreinander verstecken, um nicht verwundbar zu sein?

Können wir nicht mehr zeigen wie wir wirklich sind aus Angst getroffen zu werden?

Schützen wir uns mit Masken, die unsere wahren Gefühle verbergen?

Bauen wir Mauern aus Gleichgültigkeit, Hohn, Spott, Aggression als Schutz vor zu viel  Nähe?

*

Die letzten Tage des Schuljahres mussten noch durchgestanden werden. Für die Erstellung der Zeugnisse verbrachte ich unzählige Stunden vor dem PC, aber ich wusste auch, diese Klasse durfte ich abgeben. Bald.

Ein letztes Mal ließ ich die Gesichter meiner Schüler noch einmal auftauchen vor meinem inneren Auge, versuchte ihnen gerecht zu werden beim Schreiben der Zeugnisbemerkungen, ehe ich sie frei gab, sie los ließ, mich von ihnen verabschiedete.  Letzte Arbeiten, die noch erledigt werden mussten. Schon zählte ich die Tage, die ich noch durchhalten musste.

23. Juli. Da ist es dann passiert, einige Tage vor dem letzten Schultag. Ich verbrachte den Nachmittag in der Schule, mein Fahrrad hatte ich in der Radhalle abgestellt.

Auf dem Heimweg wollte ich unterwegs noch etwas für das Abendessen besorgen, mir eine kleine Belohnung gönnen, einen Blumenstrauß vielleicht? In Gedanken ging ich schon die Einkaufsliste durch, fuhr mit dem Rad schwungvoll über den Randstein des Bürgersteiges, sah mich suchend nach einem freien Platz um, als ich plötzlich wie ein Stein auf dem Boden aufprallte. Ein rasender Schmerz in meinem linken Knöchel trieb mir die Tränen in die Augen, automatisch wischte ich mit meiner Hand über die Augen, schmeckte etwas Salziges und gleichzeitig Süßes in meinem Mund. Verwundert betrachtete ich meine Finger, sie waren blutverschmiert und tränennass. In meinem Gesicht brannte ein höllisches Feuer.

Fremde Menschen beugten sich über mich, redeten beruhigend auf mich ein, riefen den Krankenwagen, der mich ins Krankenhaus brachte.

Stunden später stand ein Polizeibeamter vor meinem Bett, registrierte kurz mitfühlend mein plumpes Gipsbein, den unförmigen Verband in meinem Gesicht. Er lächelte mir aufmunternd zu. „Frau Marau, kaum zu glauben, aber an Ihrem Fahrrad hat jemand mutwillig Schrauben gelockert. Da wollte Ihnen jemand übel mitspielen. Haben Sie einen Verdacht?“

Alles nur Spaß, dachte ich, alles nur Spaß, und ich erzählte von dem mutwilligen Kratzer in meinem Auto, vom Hass einiger Schüler auf mich, von den Böllern im Briefkasten. Namen konnte ich keine nennen.

Aber die Polizei fragte nach, ein Beamter sprach in meiner Klasse mit den Kindern, Zeugen wurden gesucht, viele Schüler wurden befragt. Der Täter würde nie gefunden werden, das war meine Meinung, jetzt hatten sie mich also doch  noch erwischt. 

„Nehmen Sie es nicht persönlich.“ „Ich hasse Sie.“ 

Am letzten Schultag meldete sich völlig überraschend eine Zeugin. Ein Mädchen, das als sehr zurückhaltend bekannt war, das kaum mit anderen sprach, wagte es, eine Aussage zu machen.

„Ich wollte mit meiner Freundin nachmittags  zum Spielplatz. Wir trafen uns um drei Uhr vor der Radhalle. Nur wenige Räder standen da noch drin. Da hörte ich die Stimmen von mehreren Jungs. Sie flüsterten. Das kam mir irgendwie komisch vor. Ich kannte sie vom Sehen. Sie haben mich in der Pause schon oft ausgelacht, die sind ganz gemein. Vor denen fürchtete ich mich. Ich wollte am liebsten gleich verschwinden. Da sah ich, dass sie an dem roten Fahrrad von Frau Marau rummachten. Dann kam meine Freundin und wir sind schnell weggefahren.“ 

*

Nach Tagen bestätigte sich mein nie ausgesprochener Verdacht. Es war Klaus, der Schüler, von dem ich angenommen hatte, dass er mich am meisten hasste. Von der Polizei verhört gab er schließlich zu, Schrauben an meinem Fahrrad gelockert zu haben. Seine Idee war es gewesen, Freunde hatten ihn dabei unterstützt mit dem nötigen Werkzeug. Einer der Beamten fragte ihn nach dem Grund für diese Tat.

Klaus zuckte mit den Schultern und schwieg.

*

Wish you were here (Song)

How I wish, how I wish you were here.

We´re just two lost souls

Swimming in a fish bowl,

Year after year,

Running over the same old ground.

What have we found?

The same old fears.

Wish you were here.

  

Pink Floyd

 

Advertisements