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Der kleine Elefant lag im Tor zum Licht. Tagein, tagaus lag er da, beobachtete Plitsch-Platsch, die lustigen Delphine, die miteinander spielten, sich unter den Gischtkronen der Wellen versteckten und – kaum waren sie untergetaucht – elegant aus dem Wasser sprangen, um sich gleich darauf wieder unermüdlich zu jagen. Da sehnte er sich danach in die weite Welt zu wandern, um einen Freund zu finden. Stundenlang starrte er in die Meerestiefe, wartete und wusste selbst nicht worauf. So vergingen endlos die Tage bis er eines Morgens, gleich nach dem Aufwachen, als er die Traumtropfen der letzten Nacht energisch abgeschüttelt hatte, auf einmal wusste, ja mit deutlicher Sicherheit sogar fühlte: Heute ist ein besonderer Tag. Heute ist mein Tag. Aufgeregt starrte er in das geheimnisvolle grünblaue Dunkel unter Wasser – und plötzlich stutzte er: eine Flasche stieg geheimnisvoll aus der Tiefe des Meeres empor, schaukelte oben in den Wellen, wiegte sich und trieb ganz langsam auf ihn zu.

Er streckte seinen Rüssel aus, tauchte in das kalte Wasser, fasste behutsam die Flasche am Hals, zog sie an Land und betrachtete sie genauer. Er drehte und wendete sie. Sie war mit winzigen glitzernden Muscheln bedeckt und etwas Helles schimmerte durch den trüben Flaschenhals. A message in a bottle?

Eine kleine Papierrolle fiel heraus, nachdem er den Verschluss geöffnet hatte. Aber abgrundtief war die Enttäuschung, als er feststellte, dass er nicht lesen konnte, was da in geheimnisvollen Zeichen geschrieben stand, versehen mit Pfeilen und verziert mit Zauberblumen, die einen betörenden Duft ausströmten und seine Sehnsucht weckten nach Ferne, nach der weiten Welt, nach Reisen und Ankommen, nach Gemeinschaft und Freundschaft. Ihm wurde ganz schwindlig, als er den Duft einatmete, dabei die Augen schloss und wunderbare Bilder vor seinem inneren Auge auftauchten. Da wusste er, was zu tun war: Er musste sich auf die Reise machen, um den Absender der geheimnisvollern Botschaft zu finden, denn er war sich sicher, dass dieser so fühlte wie er und irgendwo in der weiten Welt auf ihn wartete. Neue Kräfte, die ihn zum Fortgehen drängten, durchströmten seinen Körper und der kleine Elefant spürte großen Mut in ihm aufsteigen. Entschlossen verließ er am nächsten Tag das Tor zum Licht und machte sich auf zu einer Reise ins Unbekannte.

Kurz darauf begegnete er einer winzigen Elfe, die verträumt auf einer Wiese lag und schon früh am Morgen mit glitzernden Tautropfen spielte, die sie in die Luft warf und geschickt wieder auffing mit ihren zierlichen Händen. Fasziniert beobachtete der Elefant sie, während er ausruhte und frisches Grün genoss. „Hallo, kleine Elfe“, sprach der Elefant das zarte Wesen an und versuchte seine laute Stimme zu dämpfen, um es nicht zu erschrecken. „Du willst doch sicher von mir wissen, was auf dem Papier steht, das du in einer Flasche mit dir herumträgst?“, plapperte die Elfe mit einem hellen Stimmchen, das ganz unerschrocken klang.

„Woher weißt du denn das?“, wunderte sich der Elefant und sprach vor Überraschung wieder mit seiner lauten Stimme.

„Ach du, ich fürchte mich nicht vor dir. Du kannst ruhig mit deiner tiefen Stimme reden. Ich kenne dich doch schon so lange. Auf meinen Phantasiereisen bist du mir schon oft begegnet. Ehrlich – ich warte schon seit einiger Zeit auf dich.“

„Ja, wenn das so ist“, wunderte sich der kleine Elefant, „dann kannst du mir vielleicht weiterhelfen.“

„Aber klar: Überquere die große Zauberwiese, gehe vorbei an den Tulpen, geradewegs auf den großen Roten Mohn zu, biege dort links ab zur Weißen Orchidee, und marschiere weiter zu den Zauberblumen, die so stark duften, dass du den Weg nicht verfehlen kannst, du brauchst nur deinen Rüssel in die Luft zu strecken, er wird dir die Richtung weisen. Dort musst du dann weiter fragen“, wisperte die kleine Elfe und warf verspielt mit ein paar Tautropfen nach ihm, die auf seiner schuppigen rauen Elefantenhaut kleben blieben und seine Stirn schmückten – genau zwischen den großen Ohren. Es sah aus, als trüge er Diamanten.

„Danke, danke, du hast mir sehr geholfen.“

„Keine Ursache und viel Glück unterwegs“, sprach die Elfe, kuschelte sich ins Gras, zog sich ein Löwenzahnblatt über das Gesicht und – der Elefant glaubte sich verhört zu haben – schnarchte tatsächlich in leisen Tönen.

Erleichtert machte sich der Elefant auf den Weg, den ihm die Elfe geschildert hatte. Stundenlang marschierte er über die große Wiese, die sich immer weiter ausdehnte, kaum glaubte er am Ziel zu sein, vorbei an den Tulpen, dem Roten Mohn, da endlich drang ihm ein unbeschreiblicher Duft in seinen Rüssel. Das mussten sie sein, die Zauberblumen, endlich, er konnte seine Beine kaum mehr bewegen, spürte eine bleischwere Müdigkeit in seinen Gliedern und einen quälenden Durst. Mühsam kämpfte er sich Schritt um Schritt voran. Die Sonne war längst schon untergegangen und am Himmel leuchteten die ersten Sterne.

„Wasser. Nur ein paar Tropfen Wasser“, murmelte er vor sich hin und torkelte schon leicht vor Erschöpfung. Sein Körper begann zu schwanken und er sehnte sich zurück in das Tor zum Licht, wo er sich den ganzen Tag nicht so anzustrengen brauchte.

Schon hatte er vergessen, wie langweilig ihm da oft war, schon wollte er nichts mehr wissen von seiner Reise um die Welt, vergaß die geheimnisvolle Botschaft und wünschte sich nur Ruhe und Erholung. Urlaub in der Toskana – das wäre jetzt etwas! Ab in den Süden! Vor Müdigkeit glaubte er schon zu phantasieren. Unzählige Turmspitzen und Kuppeln tauchten vor seinem Auge auf, aber das war nicht die Toskana, nein, er befand sich in einer Stadt aus 1001 Nacht.

„Hilfe!“, schrie da in seiner Nähe jemand, der sich in höchster Not befand. Erschrocken blickte sich der Elefant suchend um, aber er konnte niemanden entdecken. „Hilfe!“ Noch lauter gellte der Ruf, noch dringender. Wer brauchte da seine Hilfe? Und wo? Der Elefant drehte sich aufgeregt im Kreis und blickte dabei hinter sich. Vor Staunen und Verblüffung riss er seine Augen weit auf, als er plötzlich erkannte, wer da so verzweifelt schrie.

Ein winzige Katze hing an einem Seil, das zwischen zwei niedrigen Pfosten gespannt war, klammerte sich ganz entsetzt mit den Pfoten daran fest, um nicht herunterzufallen – was übrigens kein Unglück gewesen wäre. Angst stand in ihren weit aufgerissenen kullerförmigen Augen, die in der Dunkelheit grün wie Edelsteine leuchteten.

„Na, na“, sprach der Elefant beruhigend auf das Kätzchen ein, fasste es vorsichtig am Kragen mit seinem Rüssel und setzte es behutsam auf dem Boden ab.

„Was ist denn mit dir los?“ Das Kätzchen zitterte am ganzen Körper, erholte sich aber rasch wieder, putzte sein Fell erst ganz ausgiebig, bevor es flüsterte: „Ich wollte beweisen, dass ich mutig bin.“

„Wem wolltest du das beweisen?“, erkundigte sich der Elefant neugierig.

„Dem kleinen Hamster.“

„Wieso dem denn?“

„Er hat behauptet, dass ich ein Feigling bin, weil ich mich nicht traue auf Bäume zu klettern, obwohl das doch alle Katzen machen. Aber ich traue mich das wirklich nicht. Bäume sind doch so entsetzlich hoch, da bekomme ich Höhenangst, aber das glaubt mir keiner und ich werde immer ausgelacht.“

„Und der Hamster? Ist der mutig?“, wollte der Elefant wissen.

„Weiß ich nicht. Er sagt immer: Komm doch mal rüber, wenn er auf der anderen Seite eines Grabens steht, denn er weiß genau, dass ich mich das nicht traue.“

„Mir geht das auch so“, flüsterte da ein unbekanntes Stimmchen in der Nähe. Beide – die Katze und der Elefant – beugten sich hinter den grauen Stein am Wegrand und scheue Hundeblicke begegneten ihren Blicken. „Dir auch?“, maunzte die Katze erstaunt, „aber du bist doch ein Hund und musst nicht auf Bäume klettern.“ „Das nicht, aber ich soll die Hasen jagen, die mein Herr fangen will, wenn er auf die Jagd geht und das bringe ich nicht fertig, weil sie mir so Leid tun. Und ich kann auch keine Katzen jagen“, fügte er noch schnell hinzu, als er bemerkte, wie die kleine Katze sich mächtig anstrengte und einen Katzenbuckel machte, um ihn einzuschüchtern. „Dann bin ich ja beruhigt“, schnurrte das Kätzchen und die beiden beschnupperten sich vorsichtig.

„Aber was ist denn mit dir los?“ Wie aus einem Munde schrien die beiden entsetzt auf, als der Elefant neben ihnen in die Knie ging und stöhnte „ich kann nicht mehr.“

„Er ist erschöpft“, meinte das Kätzchen.

„Wir müssen ihm helfen“, sagte der Hund.

„Aber wie?“ Beide überlegten und dachten angestrengt nach.

Über ihren Köpfen spürten sie auf einmal einen kühlen Lufthauch und erschraken.

„Keine Angst“, erklang da aus der Luft eine schnarrige Stimme. „Ich bin Federleicht und möchte euch helfen.“ Ein seltsamer Vogel ließ sich auf dem Boden neben ihnen nieder und begutachtete den Elefanten, der kaum vernehmbar seufzte: „Hunger – Durst“.

„Nur ein paar Meter von hier, da sitzt ein Mann, der kann dir helfen. Steh auf, du schaffst das, wir schieben dich hoch, nur ein paar Meter, dann bist du gerettet.“ Federleicht pickte energisch mit seinem spitzen Schnabel in das Hinterteil des Elefanten, so dass dieser vor Schreck schnell aufsprang und automatisch weiter lief, geradeaus, direkt auf den nackten Mann zu, der sich gerade eine Flasche Wasser über Gesicht und Rücken kippte. Endlich. Wasser. Der Mann lächelte, als er die Tiere auf sich zukommen sah und bot dem Elefanten seine Flasche an, die dieser mit dem Rüssel ergriff und sich über den Kopf leerte, wie vorher der Mann. Ein wohliger Seufzer drang aus seiner Kehle. „Ah, das tut gut. Erfrischend. Mehr Wasser, bitte“. Der Mann ließ an einem langen Seil einen Eimer in den Brunnen hinab, zog ihn gefüllt mit dem köstlichen Nass wieder nach oben und reichte ihn dem Elefanten, der seinen Rüssel eintauchte und gierig trank.

„Danke. Vielen Dank“, dröhnte der Elefant. Der nackte Mann nickte freundlich, „gern geschehen“, antwortete er, hüllte sich in sein Gewand, das er vorher abgelegt hatte, und verschwand lautlos in der Dunkelheit.

„Geht es dir jetzt wieder besser?“, fragten die Tiere den kleinen Elefanten, nachdem er sich die letzten Wassertropfen von seinem Rüssel geschüttelt hatte.

„Ich bin wieder topfit und sogar mein Hunger ist wie weggeblasen“, lachte der Elefant.

„Steigt alle auf meinen Rücken, damit wir gemeinsam weitergehen können.“

Die ängstliche Katze und der schüchterne Hund schauten ihn hilflos an.

„Ach, ihr traut euch ja nicht“, kicherte der Elefant, schlang seinen Rüssel behutsam um die Tiere und setzte sie auf seinen Rücken.

Über der Stadt erstrahlten immer mehr unzählige Sterne, die glänzten und funkelten wie Perlen auf dunkelblauem Samt. Der aufsteigende Vollmond goss sein blassgelbes Licht in dichten Strahlen über die Stadt und leuchtete ihnen den Weg. Vor Staunen hielt der Elefant inne.

Unter einem Baum saß eine Frau, die ihren blau schimmernden Körper im Mondlicht badete und sich nicht von den neugierigen Blicken fremder Augen stören ließ. Sie hielt die Augen geschlossen, blickte nur kurz auf, nachdem sie die Schritte des Elefanten vernommen hatte, hob grüßend die Hand und lächelte ihnen freundlich zu. „Entspannung“, flüsterte die kleine Reisegruppe.

„Ihr wollt den Weg wissen, den euer großer Freund nehmen muss, nicht wahr?“, sagte die blaue Frau. „Woher …“, setzte der Elefant überrascht an. „Ich warte schon lange auf dich, wundere dich nicht“, lachte die Frau. „Erhaben wartet auch schon auf dich“, fuhr sie fort. Verwundert blickten sich die Tiere an. Aus der Krone des Baumes herab flog ein Papagei, dessen buntes Federkleid im Mondlicht aufblitzte, landete neben der Frau und stellte sich vor. „Gestatten, mein Name ist Erhaben.“

Federleicht und Erhaben schienen miteinander bekannt zu sein, denn sie begrüßten sich Schnabel wetzend, ehe Federleicht sie einander vorstellte:

„Mein Freund Erhaben. Meine Freunde, der kleine Elefant, die ängstliche Katze und der schüchterne Hund.“ Erhaben nickte ihnen zu und sprach den Elefanten an. „Ich soll dir helfen hat mir die blaue Frau aufgetragen. Was kann ich für dich tun?“

„Ich habe eine Nachricht in einer Flaschenpost erhalten und bin auf der Suche nach dem Absender. Leider kann ich die Zeichen nicht entziffern und weiß daher nicht, welcher Weg mich zu ihm führt.“

„Kein Problem“, meinte der Papagei. „Zeig mir doch mal den Plan.“ Die Flasche wurde geöffnet, der Plan vorsichtig entrollt. Von allen Seiten begutachtete Erhaben die Zeichen und

Ziffern. „Ich hab’ s. Du kannst ihn wieder einpacken“, krächzte er. „Folgt mir. Ich fliege euch voraus.“

Der Elefant mit der Katze und dem Hund auf seinem Rücken machte sich auf den Weg, dem Papagei hinterher. Er marschierte durch ein Gewirr von kleinen verwinkelten Gässchen, vorbei an unzähligen Häusern, marmornen weißen Palästen mit üppigen Gärten, überquerte mehrere steinerne Brücken, passierte einen Marktplatz, begegnete geheimnisvollen schweigenden Gestalten, deren Gesichter verschleiert waren bis auf schmale Schlitze, spürte neugierige Blicke aus fremden Augen, die sie aufmerksam beobachteten, war endlich am Stadtrand angekommen, wanderte einen Hügel hinauf und hatte einen wunderbaren Blick auf die Kuppeln der vielen Paläste, die im Mondlicht golden schimmerten und glänzten. „Wie romantisch“, flüsterten die Tiere andächtig und konnten sich lange nicht satt sehen.

Der Papagei ließ sich auf einem Baum nieder. „Stopp“, meinte er energisch. „Siesta. Bis zum Sonnenaufgang wird jetzt ausgeruht. Ihr habt euch ein Nickerchen verdient.“ Ohne Widerspruch ließ sich der Elefant in das kühle Gras gleiten und fiel augenblicklich mit seinen Begleitern in einen tiefen Schlaf.

Eine blaue Traumgestalt tauchte schwebend aus einem unterirdischen Gang auf, der hinaus in eine unendliche Weite führte. Die Gestalt in dem wallenden Kleid zeigte auf eine Zauberblume und einen Schmetterling, der den Blütenkelch umkreiste. Da fühlte der Elefant wie Hoffnung ihn umhüllte und Zuversicht ihn erfüllte. Er tauchte immer weiter hinein in diese zauberhafte und unergründliche Seeelenlandschaft bis tiefes Blau – Deep Blue – am Horizont erschien und zartblaue Wolken ihn umnebelten.

Lautes Hufgetrappel schreckte den kleinen Elefanten und die kleine Katze und den schüchternen Hund am nächsten Morgen aus ihrem tiefen Schlaf. Erschrocken richteten sie sich auf, blickten verwirrt umher, wussten im ersten Moment nicht, wo sie waren. Staub wirbelte in ihrer Nähe auf, als ein blaues Pferd in wildem Tempo auf sie zu galoppierte, plötzlich stehen blieb und sich aufbäumte zu beeindruckender Größe.

„Hilfe“, miaute die kleine Katze erschrocken und der schüchterne Hund versteckte sich hinter ihrem Katzenbuckel.

„Keine Sorge“, wieherte das Pferd. „Ich bin Cavallo Azzuro, das blaue Pferd und werde euch helfen, den richtigen Weg zu finden. Meine Freunde Eleganz, Temperamentvoll und Ungezähmt werden uns dabei begleiten.“ Kaum hatte der Hengst zu Ende gesprochen, tauchten aus der Ferne drei wunderschöne Pferde auf, die sich in rasendem Galopp näherten und eine aufsteigende riesige Staubwolke hinter sich ließen.

Erwartungsvoll warteten der Elefant und seine Begleiter auf die Ankunft der Pferde.

„Ihr könnt nun ohne mich weiterreisen“, krächzte Erhaben. „Vertraut Cavallo Azzuro und seinen Freunden, denn sie kennen den Weg. Gute Reise und auf Wiedersehen!“ Sprach’ s, breitete seine Flügel aus und flog zurück in die Stadt.

Cavallo Azzurro, der Anführer der Pferde, neigte seinen Kopf Richtung Süden. Der Weg führte den Berg hinunter über die weite sonnenbeschienene Ebene, die sich bis zum Horizont auszudehnen schien. „Dorthin müssen wir“, wieherte der Hengst. „Aber ich bin nicht so schnell wie du und deine Freunde“, gab der Elefant zu bedenken. „Keine Sorge. Wir werden schneller unser Ziel erreichen als du ahnst“, versicherte Cavallo Azzurro und Eleganz, Temperamentvoll und Ungezähmt nickten bestätigend und stellten sich zu beiden Seiten und hinter dem Elefanten auf, während Cavallo Azzurro vor dem Elefanten Stellung bezog.

„Bin ich gefährlich?“, tönte da eine helle Stimme aus der Krone des Baumes, unter dessen Schutz sie die letzte Nacht verbracht hatten. Niemand hörte die Stimme des kleinen Leoparden, der sich träge in eine Astgabel schmiegte und aus der Höhe, im sicheren Schutz grüner Blätter, die Tiere beobachtete. Lautes Hufgetrappel übertönte sie und so antwortete ihm niemand. Fasziniert blickte der kleine Leopard den dahingaloppierenden Pferden nach, in deren Mitte der kleine Elefant mit der ängstlichen Katze und dem schüchternen Hund auf dem Rücken wie von Zauberhand fort getragen wurden. Der Leopard starrte ihnen so lange hinterher, bis nur noch eine wandernde Staubwolke zu erkennen war.

„Du hast ja einen prächtigen Ausblick“, sprach ihn ein bunter Vogel an. Vor Überraschung hätte der kleine Leopard beinahe das Gleichgewicht verloren und wäre aus dem Baum gepurzelt wie ein reifer Apfel. „Wo kommst du denn her?“ „Von ganz oben, denn dort habe ich den besten Überblick und kann bis zum Horizont alles wunderbar beobachten.“

„Und, ist der Elefant mit seinen Freunden schon am Ziel angekommen?“, wollte der kleine Leopard wissen. „Am Ziel? Wer weiß schon, wo das ist? Ich sehe nur, dass sie wohlbehalten Afrika verlassen haben und Richtung Indien weiterziehen“, antwortete der bunte Vogel etwas

herablassend. „Afrika“ seufzte der kleine Leopard sehnsuchtsvoll. „Afrika, da wärst du doch wohl auch gerne?“ fragte ihn der Vogel. „ Aber ja!“ Plötzlich aber sprang der kleine Leopard auf wie von einer Tarantel gestochen. „Du Spinner“, fauchte er wütend, „wir sind doch alle in Afrika. Das ist doch unsere Heimat.“ „Haha“, lachte der bunte Vogel spöttisch. „Hereingefallen.“

Beleidigt sprang der Leopard vom Baum und stolzierte majestätisch davon, ohne den Vogel noch eines Blickes zu würdigen. Er bemerkte auch nicht, dass sich in einiger Entfernung bunt gekleidete Gestalten rasch in Sicherheit brachten, nachdem sie seine geschmeidige Gestalt entdeckten hatten. Immer noch wütend auf den hochnäsigen Vogel, ganz versunken in unsinnige Rachegedanken, achtete er nicht weiter auf den Weg.

Der kleine Elefant, die ängstliche Katze und der schüchterne Hund hatten vor Angst ihre Augen fest geschlossen, nachdem die wilde Reise mit den Pferden begonnen hatte. Sie wagten lange Zeit nicht die Augen zu öffnen. Erst nachdem sie fühlten, dass sie sich nicht mehr in rasendem Tempo bewegten, blinzelten sie vorsichtig mit den Augenlidern und schließlich überwand Neugier ihre Furcht und sie öffneten mutig die Augen. In ihrer Nähe erholten sich ihre Begleiter, die Zauberpferde. Sie grasten ganz gemächlich auf einer Wiese, deren frisches Grün wie gemalt wirkte.

Nach einiger Zeit begann sich der Elefant beobachtet zu fühlen. Verunsichert blickte er um sich. Einige Meter vor ihm begegnete sein aufmerksamer Blick den unerschrockenen Blicken mehrerer Tiger, die ihn belustigt beobachteten und ihm gelassen entgegensahen. Respektvoll blieb der Elefant in sicherer Entfernung vor ihnen stehen und blickte bewundernd auf die riesigen Gestalten, deren Fell in goldenen und schwarzen Streifen in der Sonne glänzte. Königliche Würde umgab die kräftigen geschmeidigen Körper, die friedlich in der Savanne ruhten.

Der Elefant wusste jedoch, dass ihre Ruhe durchaus täuschen konnte und war sich der Schnelligkeit und Kraft dieser Tiger bewusst. Wild Life. Wildes Leben, das war es, was sie bevorzugten. Wild lebten sie und gefährlich waren sie für alle jene, die sie sich zur Beute auserkoren hatten. Die kleine Katze und der ängstliche Hund auf seinem Rücken wussten das allerdings auch und sie begannen jämmerlich zu klagen, als sie die Tiger erblickten.

„Ihr braucht euch nicht zu fürchten“, beruhigte sie der größte der Tiger mit dunkler Stimme. „Bald seid ihr am Ziel eurer Reise angelangt. Folgt uns, wir werden euch weiter führen.“ Die Tiger erhoben sich zu ihrer vollen Gestalt, reckten und streckten sich und dehnten genüsslich ihre Glieder. Sie wendeten ihre herrlichen Köpfe nach Süden. Dorthin führte nun ihr Weg. Der Elefant bedankte sich bei den Pferden und Cavallo azzurro wünschte ihm und seinen kleinen Freunden eine gute Weiterreise und versprach, ihn mit den anderen Pferden eines Tages zu besuchen.

Erwartungsvoll marschierte der Elefant den Tigern hinterher. Er verspürte einen nie gekannten Bewegungsdrang, der seine Beine unaufhörlich und in immer rasenderem Tempo vorwärts laufen ließ. Nach einigen Stunden ballten sich in der Ferne gefährlich schwarze Wolken am Horizont zusammen, eine finstere Wand türmte sich vor ihnen auf. Sie vernahmen leises Grollen, das in Sekundenschnelle zu bedrohlicher Lautstärke anstieg. Grelle Blitze zuckten wie Feuerschwerter aus der dunklen Wolkenwand, gefolgt von ohrenbetäubenden Donnerschlägen. Schwere Regentropfen prasselten unaufhörlich auf sie nieder. Der Elefant glaubte für Sekunden sich in einem Bild von Picasso, dem berühmten Maler, zu befinden. Erschrocken wollte er stehen bleiben, aber er konnte nicht anhalten. Orkanartige Windböen peitschten ihn mit wütender Gewalt vorwärts. Wie von Zauberhand bewegt musste er weiterlaufen, immer den Tigern hinterher, deren goldene Streifen im Licht der Blitze, die unaufhörlich nieder zuckten, aufleuchteten und ihm den Weg wiesen. Die ängstliche Katze und der schüchterne Hund krallten sich in Todesangst verzweifelt an seinem Rücken fest.

Endlich. Weiße Häuser tauchten wie aus dem Nichts vor ihnen auf, vom Regen blank gewaschen, letzte Blitze leuchteten auf, die Donnerschläge verstummten allmählich. Der Regen ließ nach und der Wind beruhigte sich. Der Elefant und seine kleinen Freunde atmeten erleichtert auf. Das Donnerwetter war überstanden.

Sie ließen die weißen Häuser zurück und bewegten sich mühelos vorwärts, verspürten weder Hunger noch Durst, weder Erschöpfung noch Müdigkeit.

In der Morgendämmerung erkannten sie, dass sich das Land um sie herum verändert hatte. Erstaunt blickten sie sich um. Vor ihnen erhoben sich riesige Bäume, die Schatten und Kühle spendeten. Ein frischer Wind hatte sich erhoben und begleitete sie auf ihrem kaum erkennbaren Weg durch den dichten Wald, der bald einem undurchdringbaren grünen Dschungel glich. Unbekannte Geräusche ließen die Freunde immer wieder zusammenzucken. Alle Tiere, die die gefährliche Nacht überlebt hatten, freuten sich so darüber, dass sie das jeden Morgen lautstark allen Dschungelbewohnern kundgaben. Ein Gezwitscher, Gefiepe, Gegrunze und Geraune brach los und für kurze Zeit herrschte ein Höllenspektakel.

„Wahre Lebensfreude“, erklärte der Anführer der Tiger gelassen und gähnte herzhaft. Die ängstliche Katze und der schüchterne Hund warfen einen schnellen Blick in das riesige Maul des Tigers und klammerten sich ängstlich aneinander. Der Tiger lachte. „Nur noch ein kurzes Stück“, versprach er dem Elefanten.

Seltsame Gefühle beschlichen diesen, so kurz vor dem Ziel – er wusste nicht, was ihn erwartete. Vielleicht wäre er besser doch bei den Delphinen geblieben? Angst wollte ihn packen und Zweifel ihn verunsichern, da hörte er, wie die kleinen Freunde auf seinem Rücken überrascht aufschrien. „Schau doch!“ Aufgeregt sprangen sie auf seinem Rücken hin und her und deuteten dabei in eine bestimmte Richtung.

Es dauerte einen langen Moment, ehe der Elefant seinen Artgenossen erblickte: Ein weißer Elefant stand reglos im Schatten eines riesigen Baumes, starrte ihn unentwegt an und plötzlich – wie auf ein unsichtbares Kommando – rasten die beiden aufeinander zu, stießen laute Freudenschreie aus, erhoben ihre Rüssel und begrüßten sich liebevoll.

„Willkommen meine Freunde“, trompetete der weiße Elefant fröhlich. „Endlich seid ihr bei mir angekommen. Mein Name ist Freiheit und ich erwarte euch schon lange.“

Der kleine Elefant wollte seinem neuen Freund die Flasche mit der geheimnisvollen Botschaft, die ihnen den Weg gewiesen hatte, überreichen. Verwundert stellte er fest, dass die Flasche mit einem Mal so schwer war, dass er sie nicht mehr halten konnte. Sie plumpste auf den Boden und zersprang in Tausende von Scherben, die sich im Nu in bunt schillernde Schmetterlinge verwandelten, die um ihre Köpfe tanzten und allmählich wie eine farbige Wolke in den Himmel aufstiegen. Zurück auf dem Boden aber blieb etwas liegen, das alle fasziniert anblickten: Ein faustgroßes Herz, gebrannt aus rotem Lehm, durchzogen von tiefen Furchen.

„Das sind die Spuren des Lebens, die euch zu mir geführt haben“, erklärte der weiße Elefant glücklich.

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