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Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter  ist, die Blumen, und wo
Den  Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

(Hölderlin: Hälfte des Lebens, 2. Strophe)

Donnerstag
Heute Nacht bin ich dir im Traum begegnet. Aber du warst zu weit weg, kein Gespräch war möglich. Dein Gesicht konnte ich nicht sehen. Ich stand entfernt von dir, wollte mich dir nähern, leise, unentdeckt, dein Gesicht nur wollte ich sehen, dich wieder-erkennen. Vergeblich. Die Arme streckte ich aus, dir zu winken, du merktest nichts davon. Rufen wollte ich dich, aber meine Stimme blieb lautlos, ein stummer Hauch. Du aber schriebst, deine Umgebung nicht beachtend. Hoffend blieb ich stehen, in der Erwartung, dass du meine Nähe spüren wirst, dich umdrehen, mich erkennen wirst.

Freitag
Noch immer nicht habe ich dir gesagt, was du in mir ausgelöst hast, in jenem heißen Sommer vor zwei Jahren. Auch damals sah ich dich vor mir – schreibend. Ahnungslos. Doch du drehtest dich zu mir um, lächelnd mir ein Blatt überreichend. Ich schenk dir ein Gedicht, nicht von mir, von Hölderlin, fügtest du hinzu und wurdest rot dabei. Ein Erdbeben der Gefühle hast du entfesselt und weißt es nicht. Ein Sturm von Gedanken und Gefühlen brach da los in mir: Ich saß da, fassungslos vor so viel Glück. Da gab es tatsächlich jemanden, der ein Gedicht auswendig konnte und der sich die Mühe machte, es mir aufzuschreiben, obwohl er mich kaum kannte. Ein Geschenk für mich. So unerwartet, so wunderbar. Da ging jemand das Risiko ein, sich lächerlich zu machen vor anderen, auch vor mir. Aber ich hätte nie gespottet über ein Gedicht, du hast es gewusst, du scheinst mich doch zu kennen. Du ahntest nicht, welches Glück du mir in die Hand gelegt hast. Ich hielt ganz still und wollte doch laut jubeln. Das Glück aber ist wie ein Schmetterling, zart, kostbar und selten. Du darfst dich nicht wild bewegen, darfst nicht danach fassen, nur schauen, fühlen, in dich aufnehmen, als Erinnerung bewahren. Du musst dich zurückhalten in deiner Gier des Besitzens-wollens. Auch einen Schmetterling zerstörst du, wenn du ihn festhältst. Augenblicke, kostbare und unwiederbringliche währt das Glück. Es lässt sich nicht erzwingen, erwarten musst du es.
Ich verbarg meine Gefühle, um dich nicht zu verletzen. Auch du hattest dich hinreißen lassen von deiner Begeisterung für Hölderlin, du hattest vergessen wie ungewöhnlich es ist, ein Gedicht zu verschenken, heute in unserer Zeit, brieflos, wortlos, sprachlos. Jetzt, Sekunden später, ich hielt das Blatt schon in der Hand, da wurde dir bewusst: du hast dich mir gezeigt, bloß und verwundbar, dich mir ausgeliefert. Fürchtest du doch meinen Spott?
Du, der du so gerne spottest und dich über vieles lustig machst, was hast du zu verbergen? Inzwischen weiß ich es, von Hölderlin erfuhr ich, was ich schon längst erspürt hatte über die Scherz-haften, „Immer spielt ihr und scherzt? Ihr müsst! O Freunde: mir geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.“
Auch du ein Verzweifelter? Spott und Scherz als Maske. Du hast sie kurz abgenommen. Sie wiegt wohl schwer und ist auf Dauer unbequem. Ehrlich gesagt, ich habe es satt, mich hinter Masken zu verstecken, es ist mir auch zu anstrengend. Da habe ich sie einfach abgelegt, wollte nur einmal wieder ich selbst sein, hatte keine Lust mehr, mich auf deine Spötteleien einzulassen, hatte genug gelacht, ohne meinen Schmerz zu vergessen. Was gingst du mich an? Ein Fremder. Aufgewachsen hinter einer Mauer. Freiheit erst spät erfahren. Gewohnt dich zu verstecken, dich nicht zu zeigen. Ich aber stand vor dir, ungeschützt und behauptete ganz ernst: Ich mag Hölderlin, als Mensch finde ich ihn sympathisch. Noch heute sehe ich den erstaunten Ausdruck deiner Augen, erwartete schon deinen Spott, ging in Abwehrstellung, zur Verteidigung bereit: Ja, ich mochte ihn. Hölderlin, der mich rührte, von dem ich glaubte, ihn zu verstehen.
Seine Krankheit, seine Sehnsucht nach Liebe.
Das war mein Hölderlin. Jetzt kannst du lachen. Aber Hölderlin war unser gemeinsamer Nenner: Wir trafen uns einen winzigen Augenblick bei Hölderlin. Er schreibt schöne Gedichte sagtest du, ganz ohne Spott.
Als Mensch mag ich ihn, wiederholte ich mechanisch, denn eben hattest du deine Maske abgelegt und ich erschrak, weil wir uns so nahe waren.
Du bist wohl auch erschrocken. Kein Wort haben wir mehr darüber gesprochen. Ich hätte dir so gerne gesagt, wie dankbar ich dir für dieses geschenkte Glück bin, aber da war eine Kluft zwischen dir und mir. Ich verstand, du wolltest nicht mehr daran erinnert werden. Du konntest ja nicht wissen wie es mir in diesem Sommer ging. Hattest keine Ahnung vom Unglück dieser Tage.

Sonntag
Draußen diese erstickende Hitze, die erst am Abend einigermaßen erträglich wurde und die Sehnsucht nach frischer kühler Luft in der Nacht und trotz dieser Hitze eine innere Kälte, ein Absterben der Hoffnung auf Leben, auf zufriedenes Leben. Der Wunsch ab und zu Glück spüren zu dürfen. So lebte ich dahin, schleppte mich durch die Tage und fürchtete die Nächte. Scherben um mich. Ich stand da, hilflos wie ein Kind, dem eine kostbare Vase zerbrach, aus unersichtlichen Gründen zersprang.
Alles von dem ich annahm, es wäre gut, löste sich auf, wurde unfassbar. Beziehung wurde zum Gezogenwerden, Nähe zu Bedrohung. Wechselspiel von Hoffnung und Verzweiflung. Da war keiner, der mich hielt, da war Einsamkeit und Schweigen. Ich habe gelesen, es gibt viele Todesursachen. Schweigen gehört auch dazu. Wer schweigt, erdrückt den anderen, saugt ihn aus, macht ihn leer. Du stehst vor einer Mauer. Da verweigert sich einer. Worte prallen ab wie Pfeile, die auf Eisen stoßen. Schweigen tut weh, erstickt die Freude, macht stumm.

Ich aber wollte leben, mich mitteilen. Mit wem aber teilen, wenn der, an den du jahrelang geglaubt hast, dem du vertraut hast, plötzlich als Fremder vor dir steht? Von dem allen ahnst du nichts. Das ist auch gut so. Wenn ich meine, in Hoffnungslosigkeit zu versinken, dann nehme ich dein Gedicht in die Hand und warte darauf, dieses Glücksgefühl wieder erleben zu dürfen. Unser Hölderlin. Ich nenne dich Bruder Hölderlin. Wie gerne hätte ich einen Bruder, einen der mit mir spricht und mir auch zuhört. Miteinanderlachen können wir schon. Aber oft lache ich, um nicht zu weinen. Je trauriger, je verzweifelter ich bin, desto heftiger mein Lachen. „Lerne lachen, ohne zu weinen.“ Ob ich Tucholsky nun endlich begriffen habe? Stell dir vor, als ich beim Augenarzt über brennende Augen klagte, wurde ein Test gemacht. Ergebnis: zu wenig Tränenflüssigkeit. Da war mir fast zum Lachen, denn ich fragte mich, wohin meine Tränen verschwunden sind. Ausgerechnet ich, die dachte in einer Flut ungeweinter Tränen ertrinken zu müssen, ich hatte zu wenig Tränenflüssigkeit.

Wieder errichten wir Fassaden. Wieder verstecken wir uns. Müssen wir uns schützen? Wovor eigentlich? Ich hätte dich gerne näher gekannt, mehr von dir wissen wollen. Du erzählst nicht viel von dir. Nur einmal hast du erwähnt wie enttäuscht du von unserer Bürokratie warst. Mit den Polizeimethoden in der ehemaligen DDR hast du sie verglichen. Auch im Westen ist nicht alles in Ordnung, sind nicht alle gleich.
Ich phantasiere mir dein Leben hinter der Mauer. Seit deiner Geburt warf sie ihren Schatten in deine Welt. Nun, da sie endlich nicht mehr ist, wachsen Mauern zwischen den Menschen, Mauern des Misstrauens. Du fürchtest den Spott und die Missgunst jener, die auf der anderen Seite der Mauer groß geworden sind. Hölderlin stand plötzlich verbindend zwischen uns.
Aber ich verstehe, du willst nichts mehr davon wissen. Manchmal kann ich darüber lachen, wenn ich mir versuche vorzustellen wie dumm ich wohl geschaut habe, als du mir dieses Gedicht gegeben hast. Mein Gott wie peinlich. Am liebsten würde ich mit dir darüber lachen. So richtig laut, einfach nur lachen.

Dienstag
Aushalten. Das Wort schlechthin. Verhalten. Erhalten. Behalten. Anhalten. Festhalten. Aushalten – wohl die schwierigste Form des Haltens. Wohin aber, wenn du meinst das Leben nicht mehr aushalten zu können? Abende lang sehe ich mich noch durch Mooslandschaft fahren. Allein, unruhig, auf der Flucht, in die Pedale meines Fahrrades tretend. Meinen Körper spüren, Kraft sammeln. Alles Denken vermeiden. Offen sein für Bilder, Eindrücke, Gerüche. Der erdherbe Duft der Pappeln, die so stark in den Himmel ragen, so zuverlässig stehen sie da. Ihr Blattgeflüster begleitet mich. Ebene Wiesen. Grüne Weite vor meinen Augen und plötzlich unzählige Sonnen. Ich fahre staunend vorbei an diesem Feld. Sonnenblumen, hochaufgerichtet strecken sie ihre Köpfe empor, verschenken ihre Schönheit tausendfach. Dieses Gelb, diese Wärme, dieses Glück. Strahlend, einen Sommer lang. Dann stehen sie dunkel und düster auf den Feldern und du musst in deinen inneren Bildern kramen, um sie wieder zum Leuchten zu bringen.
Eine mit nach Hause nehmen, eine kleine Sonne, eine eigene Sonne haben für jeden Tag, eine begrenzte Zeit wenigstens. Dieses große Wunder zu berühren, mit den Augen streicheln, aufnehmen und nicht vergessen. Nie würde ich eine brechen, verlet-zen. Aber eine verstümmelte, halb abgeschnittene Sonne nahm ich mit, wollte ihr das Leben retten und auch mir.
Und wieder Hölderlin. Hölderlin der Wanderer, der einsam Dahinziehende. Der Verfolgte. Der Kranke im Turm. Hölderlin ist nicht mehr und doch, er wirkt. Du aber, den ich Bruder Hölderlin nenne, du aber hast ihn gekannt und du schweigst.

Montag
Was ist bloß in mich gefahren? Wie komme ich dazu ihr ein Gedicht aufzuschreiben? Noch dazu eines von Hölderlin. Ich kenne mich nicht mehr. Ich will sie nicht mehr sehen. Sie wird mich für verrückt halten, sie wird mich auslachen, den anderen das Blatt zeigen, mich lächerlich machen. Und rot geworden bin ich auch, sie hat es gemerkt. Am liebsten wäre ich auf und davon. Ich setze mich hin und schreibe ein Gedicht auf, während eines Vortrages. Gut, die anderen haben sicher gedacht, ich schreibe mit. Das ist nicht aufgefallen, aber dann… Ich drehte mich um und schenkte, – mein Gott, ich sagte doch tatsächlich: Ich schenke dir ein Gedicht, – schenkte ihr vor all den anderen dieses Gedicht. Sie schaute mich völlig verblüfft an, griff automatisch danach, warf einen kurzen Blick darauf und dann, dann strahlten ihre Augen so plötzlich, dass ich erschrak vor Freude und vor Angst. Wie traurig musste sie doch gewesen sein, dass sie sich so über ein Gedicht freuen konnte? Wir haben schon viel gelacht, aber ihre Augen blieben ernst. Nur heute, als sie von Hölderlin sprach, da spürte ich zum ersten Mal, von ihm lässt sie sich nicht abbringen. Vor ihr brauche ich nicht so spöttisch zu sein, sie hat mich längst durchschaut. Ihr Lachen ist nicht echt, aber ich wage nicht zu fragen wie es ihr geht. Ja, ich habe Angst mich lächerlich zu machen. Einmal sagte sie, die Jahre älter ist als ich: Bist du noch jung. Sie meinte es nicht abwertend, nein, es klang wehmütig, als wollte sie damit sagen, du kannst noch vieles besser machen als ich. Du bist frei, keine Familie, keine Bindung, mach was draus.

Dienstag
Ich kann ihr doch nicht einfach aus dem Weg gehen. Wie wird sie bei unserer nächsten Begegnung reagieren? Es wäre schön, mit ihr weiter über Hölderlin zu sprechen, aber zu gefährlich. Wieso eigentlich? Es kann doch nicht ungewöhnlich sein, mit jemand über einen deutschen Dichter zu sprechen. Aber ich spüre das Besondere an diesen Gesprächen. Da ist diese unerwartete Gemeinsamkeit im Denken und Fühlen. Angst? Habe ich tatsächlich Angst davor, mit einer Frau über Gedichte zu sprechen? Mit jeder anderen wäre es unmöglich oder auch möglich, wenn, ja wenn ich mich in sie verliebt hätte. Ich kann meine Gefühle nicht einordnen. Zum ersten Mal erlebte ich jemand, der mich ernst nahm, den mein Spott nicht abschreckte, der nicht mitleidig lächelte, sobald von der ehemaligen DDR die Rede war. Da war echtes Interesse an dem Leben hinter der Mauer.
Sie war nie dort, versuchte sich eine konkrete Vorstellung davon zu machen. Über mein Leben dort wollte ich zunächst nicht reden, zu oft schon wurde ich abschätzig behandelt, spürte das Überhebliche in der Meinung vieler Leute aus dem Westen.
Sie schauen auf die Ossis herab, machen dumme Witze über uns und haben doch keine Ahnung von uns. Sie fühlen sich mächtig, sie zahlen ja für uns, wir müssen dankbar sein. Solidaritätszuschlag. Das Wort allein ist ein Schlag ins Gesicht. Zuschlag. Noch ein Schlag dazu zu den vielen, die wir längst erhalten hatten. Aber auch wir im Osten haben unseren Stolz, wollen uns nicht beugen, kriecherisch um Almosen betteln. Nein. Wir wollen als gleichwertig anerkannt werden. Die Mauer ist weg. Neue Mauern sind da. Diesmal wird es länger dauern, sie aus der Welt zu schaffen. Sie werden nicht bewacht, nicht kontrolliert. Sie sind unsichtbar, aber schmerzlich spürbar, nicht fassbar. Sie entstehen unaufhörlich.
Da begegnet sie mir, blickt über diese Mauern, ignoriert sie und will wissen, wie es sich damals studierte, hinter der Mauer. Studienaussichten. Möglichkeiten. Berufe. Alles war möglich, aber nicht für alle und nur zu bestimmten Bedingungen. Begrenzte Stoffauswahl: Goethe, Schiller, Hölderlin. Das waren erlaubte Autoren. Als ich Hölderlin sagte, blitzte ein freudiges Erstaunen aus ihren Augen. Hölderlin? wiederholte sie ungläubig. Schon hatten wir unser Thema: Hölderlin, der Film, Hölderlin als Mensch und als Dichter. So ahnungslos war sie, konnte ja nichts  wissen von meiner intensiven Beschäftigung mit diesem Dichter. Darüber ließe sich gut reden. Gewiss. Sie wäre begeistert. Sofort. Ihre Begeisterung steckt an, strahlt aus den Augen, verführt zum Mitlachen. Ja, es ist ihre Begeisterung, die die Unterschiede ausgleicht zwischen uns. Ihr Alter? Darüber habe ich nie nachgedacht. Die Begeisterung macht sie jung. Sie erschrak selbst vor ihrer ungestümen Freude, wollte sie vor mir verbergen, aber ich hatte sie schon gespürt.

Mittwoch
Morgen werde ich sie wiedersehen. Die Vorlesung geht weiter. Ich kann ihr nicht ausweichen und will es auch nicht.
Rot geworden bin ich, wie ein kleiner Junge, den man bei einem Missgeschick, einer Heimlichkeit, etwas Verbotenem ertappt. Schamröte? Ich muss es vergessen. Vielleicht hatte sie es nicht bemerkt. Doch. Ich habe das Erstaunen in ihren Augen gesehen, ehe es ihr gelang, die aufwogende Freude, die sie so plötzlich traf zu verbergen. Sie fürchtete das Gleiche wie ich: missverstanden zu werden. Mein Gott, hoffentlich fasst sie es nicht als Liebeserklärung auf. Die Zeit der Gedichte ist lange vorbei. Es bleibt also ungewöhnlich, jemandem ein Gedicht zu schenken, noch dazu, ohne zu wissen, wie der andere es aufnehmen wird.
Du, am liebsten hätte ich dich kurz umarmt, ganz spontan, aus Freude über deine Freude. Aber auch das hätte falsch gedeutet werden können. Von dir. Eigentlich kenne ich dich nicht, habe dir nie Fragen gestellt. Wollte ich nichts von dir wissen? Doch, aber sicher nicht die Wahrheit. Natürlich wusste ich einiges von dir, hatte es mir zusammengereimt aus Gesprächsfetzen, die ich auffing und neu verknüpfte zu deiner Geschichte. In meinen Gedanken sitze ich mit dir irgendwo. Und wir reden über Hölderlin, reden, reden dabei auch über uns. Und wir schweigen. Gemeinsam.

Donnerstag
Es wird nun Zeit, dich wieder aus meinen Gedanken zu streichen. Zu lange schon bestimmst du sie. Aber das wird schwer werden. Dein Bild hat sich längst eingenistet, fest verwoben mit meinen Gedanken. Immer wieder taucht es auf.
Erinnerst du dich noch an das Kompliment, das ich dir damals machte? Wir in der Pause auf der Terrasse des Cafés, erschöpft von der Hitze und der Anstrengung des Zuhörens, Mitdenkens. Du auf einem Stuhl, Beine ausgestreckt, Gesicht der Sonne entgegen, Augen geschlossen.
Da wäre ich dir gerne näher gewesen. Und ich sagte doch tatsächlich, die Farben deiner Bluse sind wunderbar. Und du, öffnetest die Augen, schautest dich um, verwundert, bis du endlich bemerktest, dass ich von deiner Bluse redete. Deine Antwort zeugte von deiner Verwirrung. Die Farben sind praktisch, murmeltest du, wegen der Kinder und sie schmutzen nicht so. Deine Nachbarin hat zustimmend genickt und wieder versanken wir alle drei in Schweigen, Augen geschlossen.
Zu gerne hätte ich deine Gedanken gewusst. War ich denn verrückt an diesem Tag? Verrückt nach einer echten Begegnung?

Samstag
Weißt du eigentlich, dass ich manchmal Zweifel habe an deinem Gedicht? Ich frage mich, ob es wirklich von Hölderlin ist. Nun wirst du mich auslachen, deine Augen werden funkeln vor Spott, aber ich liebe dieses Lachen. Dein Lachen. Es verbreitet Wärme, gibt mir Trost. Zur Zeit habe ich wenig zu lachen und vor allem keinen, der mit mir lacht, dabei würde ich so gerne lachen. Ich habe mir doch tatsächlich ein Gesamtwerk von Hölderlin gekauft, es war nicht billig, aber ich wollte dieses Gedicht sehen, unbedingt. Seit Tagen blättere  ich nun schon darin. Lange suchte ich, immer wieder, aber dein Gedicht ist unauffindbar. Jetzt bin ich doch tatsächlich enttäuscht. Ich schimpfe mit mir, fühle mich kindisch.
Ich wollte mich unbedingt bei dir bedanken, bei unserer nächsten Begegnung. Ganz locker wollte ich darüber reden, dich und mich nicht in Verlegenheit bringen, befürchtete ich doch diesmal selbst zu erröten. Und trotzdem, ich musste dir einfach sagen, dass mir das Gedicht gut gefällt. Alles sollte leicht klingen, wie nebensächlich, aber ich stotterte ziemlich unbeholfen und schämte mich hinterher. Du tatest auch so unbeteiligt, als ob du es längst vergessen hättest. Welches Gedicht, fragtest du. Mein Gott, er fragt welches Gedicht, und ich, die das Gedicht inzwischen mühsam auswendig lernte, bekam nur stockend heraus, das von der Rose. Ich wollte wissen, wie es heißt, denn du gabst es mir ohne Titel. An die Rose, war deine gleichgültige Antwort und ich fühlte mich in diesem Augenblick hilflos und verraten. Draußen auf der Terrasse blühten die Rosen, verströmten üppig ihren zarten Duft und ich ging hin zu einer, neigte mein Gesicht ihrer Blüte entgegen, ganz nah, verbarg mich vor dir und verbarg auch meine Enttäuschung.
Alles, was vorher so einfach war, ist jetzt belastet. Dir ist es unangenehm. Du willst nicht mehr daran erinnert werden. Ich muss es akzeptieren, mich alleine freuen. Hätte gerne einen, mit dem ich teilen kann. Du aber, du kennst mein Dunkel nicht. Mir scheint es manchmal als ob ich in einem Tunnel stecke. Es gibt Tage, da leuchtet ein winziges Licht am Ende auf, ein Hoffnungsschimmer. An anderen Tag herrscht Düsternis. Dein Gedicht war mir ein Leuchtfeuer, eine Kraft, die mich ein Stück aus dem Dunkel zog. Danke.
In unserer Zeit fragen sich viele, was es bringt, für einen anderen etwas zu tun.. Du nicht. Du hast dir nicht lange überlegt, was es bringt. Ich spürte das sofort. Da war keine Absicht, steckte kein Plan dahinter. Du musstest dieses Gedicht schreiben, weil dir danach war. Nun schämst du dich. Zu spontan, zu ehrlich warst du. Wie gerne hätte ich deine Röte ganz zart weggewischt, ein Finger hätte genügt. In diesem Augenblick habe ich dich geliebt. Das spürte ich wie den Funkenschlag zweier Steine, die man aneinander klopft. Zufällig.

Sonntag
Nun wird es also keine Gespräche mehr geben. Meine Vorstellung von Nähe, eine zerplatzte Seifenblase. Zu viel unbenanntes Gefühl ist uns im Weg, stört. Aber Gefühle lassen sich nicht auf Kommando wegfegen. Wir beide müssen leben mit ihnen. Wieder bleibt Schmerz.
Beinah wärest du mein Bruder geworden, mein Freund. Wir wagen beide nicht mehr über Hölderlin zu reden aus Angst vor Missverständnissen. In meiner Phantasie jedoch unternehme ich weite Reisen mir dir und Hölderlin. Marschiere in einer Traumland-schaft und manchmal brauche ich lange, um den Weg zurückzufinden, zurück in die eisige Welt einer Ehe aus der alle Wärme floh.
Verzweifelt suche ich den Funken, den ich noch vorhanden glaube, um das Feuer zu retten. Feuermachen ist eine Kunst. Vorsicht ist geboten. Nur trockenes leichtes Material brennt, schürt den Funken, lässt ihn wachsen. Du darfst nichts Schweres Erdrückendes auflegen, sonst erstickst du das Flämmchen.
Was aber erwärmt eine erkaltete Beziehung? Was zählt, wenn du dich im Kreise drehst und schon den Schwindel fühlst, bevor du schwankend zum Stehen kommst und jemand suchst, um dich festzuhalten. Aber da ist kein Halt. Alles dreht sich und ich möchte aussteigen, weggehen, fliehen und kann doch nicht anhalten.
Ich fliehe. Ich fliehe in meine Träume. Täglich ein Zurückziehen vom Unerträglichen. Flucht in eine erträgliche Welt. Gibt es Freundschaft,  Seelenverwandtschaft zwischen Mann und Frau? Immer wieder diese Frage, deren Antwort ich suche.

Montag
Loslassen. Zulassen. Verlassen. Auslassen. Loslassen eine der schwersten Formen von Lassen überhaupt. Loslassen gleicht einem Fall ins Unbekannte. Loslassen erfordert Mut, Vertrauen und Zuversicht, gleicht einem Hoffnungsschimmer. Loslassen, dem anderen die Freiheit schenken, ihm seine Entscheidung überlassen. Loslassen, eine Form des Zurücklassens. Ich werde es versuchen. Ich lasse dich los. Entlasse dich.
In meinen Träumen aber gehörst du zu mir und zu Hölderlin. Gespräche sind möglich und auch Zärtlichkeit, die ich so vermisse. Zärtlichkeit, zartes Umgehen miteinander, weil einem der andere wertvoll ist. Behutsamkeit der Berührung, Beweise ge-genseitiger Achtung. In unserer Zeit zählt das alles wenig. Liebe wird gleichgesetzt mit Sexualität. Lebe ich wirklich falsch, wenn ich mich danach sehne, einen echten Freund, einen Vertrauten zu haben? Ich habe keine Freunde. So ist es. Immer wieder stelle ich fest, wie einsam ich mich fühle, wie wenig ich verstanden werde von Menschen, die ich als Freunde wähne. Bittere Erkenntnis. Alle Freuden, alle Schmerzen ertrage ich allein. Möchte keinen belasten mit meinem Unglück. Wir leben in einer Spaßgesellschaft. Es ist verpönt, traurig zu sein, sich ernsthafte Gedanken zu machen. Take it easy. Aber es ist nicht alles leicht zu ertragen. Andere wollen nicht gestört werden. Don’t worry, be happy. Auch so ein Spruch, der Verdrängung schürt. Aber umgekehrt ist selten jemand zu echter Freude fähig. Stets wird meine Begeisterung gedämpft. Kaum einer teilt meine Freude mit mir. Beinahe hatte ich schon gehofft in dir endlich den Menschen zu finden, der mein Bruder sein wird. Es war wohl nur eine kurze Begegnung. Unsere Lebenswege kreuzten sich an einer Haltestelle. Haltestelle Hölderlin. Wir warteten bei-de auf die Weiterreise. Ziel unbekannt. Unterwegs in verschiedene Richtungen. Jeder kehrt wieder zurück in sein Leben. Die Spuren aber werden bleiben. Dein Gedicht in meiner Hand, an geheimer Stelle aufbewahrt, Zeichen dafür, dass Nähe möglich war, eigenwilliges  Beweisstück. Vielleicht spottest du wieder, aber ich ertrage es, denn ich durfte hinter deine Maske blicken und habe deine Verwundbarkeit erkannt. An manchen Tagen gibt mir das inzwischen vergilbte Blatt mit den von dir geschriebenen Zeilen den Mut, den ich brauche, um in schwierigen Situationen bestehen zu können.
Ich berühre das Blatt und berühre dich. Gelebte Freude. Romantikerin hast du einmal gespottet über mich. Das ist schon lange her. Zu lange. Ein phantastischer Traum. Damals in der Hitze und Kälte jenes Sommers.

Wieder ein heißer Sommer. Ich schreibe, schreibe auf, was du längst vergessen hast, dein Gedicht.

Und ewig trägt im Mutterschoße
süße Königin der Flur
dich und mich die stille große
allbelebende Natur!
Röschen, unser Schmuck veraltet
Stürm entblättern dich und mich
doch der ew’ge Keim entfaltet bald zu neuer Blüte sich.*

Adieu.
*Friedrich Hölderlin: „An die Rose“

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