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Ein kurzes Zögern und fast schon hätte sie ihre Sonnenbrille abgenommen, aber nein, sie trat mit der neuen Sonnenbrille vor das unscheinbare kleine Grenzhaus, den Pass aufgeschlagen in der Hand. Sie musste warten, denn im Innern des Zollhäuschens, das nur aus einem Zimmer bestand, telefonierte der Grenzsoldat. Lässig von außen an das offene Fenster gelehnt deutete ein zweiter an, dass sie und auch die anderen, die sich inzwischen versammelt hatten, warten mussten. Alle schauten sich zunächst interessiert den nahe gelegenen hölzernen Wachtturm an, der sich trotz Sonnenschein und geöffneter Grenzschranken drohend in den blauen Himmel erhob. Also konnte auch sie unauffällig in die Runde blicken und den hohen Turm anstarren, vielleicht etwas länger als die anderen, ohne Aufsehen zu erregen. Gleichgültig und gelangweilt wendeten die anderen Touristen bald schon ihre Köpfe und musterten erwartungsvoll den Verlauf der Straße, die hier bergauf führte und den Blick auf das Land hinter der Grenze verbarg.

Endlich, das Telefonat war beendet und der Grenzer erschien, einen unförmigen riesigen Stempel in der Hand. Sie schätzte ihn auf Mitte zwanzig und war überrascht über seinen jungenhaften verschmitzten Gesichtsausdruck, der nicht zu seiner tristen Uniform passen wollte. Obwohl er ernsthaft jeden Pass kontrollierte und dabei Bild und Person aufmerksam miteinander verglich, bevor er seinen Stempel einem Machtinstrument gleich auf das Papier drückte, erweckte diese Szene in ihr das Gefühl, als ob sie einen alten Film ansähe und nicht wirklich hier stünde.

Sie rechnete schon damit, dass er verlangte, sie solle die Brille abnehmen, aber er sagte nichts, sondern reichte ihr stumm den Pass zurück. Ihr Begleiter lächelte ihr beruhigend zu. Nur er hatte gewusst, welche Angst sie ausgestanden hatte während dieser kurzen Wartezeit.

Nachdem sie ihre Papiere verstaut hatten, schoben sie die Fahrräder den Berg hinauf und erwarteten gespannt den ersten Blick in das andere Land. Für ihn war alles unbekannt, aber nicht für sie.

Jahrelang hatte sie versucht, mit ihren Erlebnissen leben zu lernen, ohne ständig in Angst auszubrechen, sobald es an ihrer Tür klingelte und ein Fremder draußen stand. Schlimmer jedoch waren die Nächte, in denen sie aufwachte, schweißgebadet und zitternd und lange Augenblicke brauchte, um zu erkennen, dass sie außer Gefahr war. Nach vertrauten Gesprächen mit ihrem Begleiter hatte sie allmählich die Idee entwickelt, wieder in jenes Land zurückzufahren, um endlich die Gewissheit zu haben, dass ihr jetzt nichts mehr passieren könne.

Während sie schwitzend ihr Rad bergauf schob, tauchten die Bilder ihrer Träume wieder auf und überfielen sie mit unerwarteter Heftigkeit.

Nass, vor Kälte schlotternd, sieht sie sich vor den Grenzsoldaten stehen, fünf oder sechs, unwichtig die Zahl. Grelles Scheinwerferlicht blendet ihre Augen, schmerzhaft. Ein glühendes Gefühl von Scham und Verzweiflung, entstanden in ihrem tiefsten Innern breitet sich wie eine überschwappende Woge in ihrem Körper aus. Da steht sie wehrlos, halbnackt, diesen Männern in Uniform ausgeliefert, die sie mit undurchdringlichen Blicken anstarren und in einer fremden Sprache auf sie einreden. Sekundenlang ist sie sich ihrer endgültigen Niederlage bewusst. Aus der Traum vom freien Leben, gescheitert der mühevoll konstruierte Plan vom Weg über die Grenze, verloren alle Hoffnungen, die ihr den Mut gaben, es überhaupt zu wagen. Sie fühlt sich bloßgelegt und ausgebreitet, um wie eine seltene Ware begutachtet zu werden. „Wenn sie mich anfassen, werde ich schreien, egal was passieren wird.“ Mit diesem Gedanken macht sie sich neuen Mut und die Verzweiflung beginnt zu weichen. Trotzig blickt sie den Männern der Reihe nach in die Augen, einem nach dem anderen. Einige Männer werden unruhig und fühlen sich unwohl unter ihren Blicken. Manche scheinen sie wieder zu erkennen, sich zu erinnern an die junge Frau, die eine Woche im Nachbarort verbrachte. Ferien hätte sie, erzählten sich die Leute im Dorf. Sie malte gerne und war ständig mit dem Zeichenblock unterwegs, um geeignete Motive für ihre Bilder zu finden. Das dritte Jahr erschien sie hier im Dorf, weil sie den See und seine Umgebung so erholsam fände. Abends saß sie oft in der einzigen Gaststätte des Ortes, unterhielt sich angeregt mit anderen Feriengästen.

Mehrere der Grenzsoldaten hatten sie nach Dienstschluss schon dort gesehen und erkannten sie wieder. Sie selbst hatte jeden Abend die zurückkehrenden Soldaten beobachtet und sich gefragt, was wohl in ihnen vorgehen mochte, während sie auf ihren Wachttürmen saßen, schwer bewaffnet dem Auftrag verpflichtet, unerwünschte Grenzübertritte zu verhindern. Die jungen Gesichter hatte sie eingeteilt in solche, denen es Genugtuung brachte, eine Flucht zu verhindern und andere, die jeden Abend heimlich erleichtert waren, wenn es keine Zwischenfälle gegeben hatte. Ihrer Meinung nach war das die Mehrheit.

Jetzt aber wirken alle diese Männer fremd, unnahbar und furchteinflößend. Und dennoch, wieder versucht sie Blickkontakt herzustellen, in der verzweifelten Hoffnung, dadurch wenigstens in einem von ihnen einen Funken Menschlichkeit wachzurufen.

Ihre körperliche Erschöpfung und der psychische Schock des Scheiterns lassen sie einen Moment schwanken, beinahe wäre sie gefallen. Da endlich ergreift einer der Männer sie am Arm und schreit den anderen mit barscher Stimme etwas zu. Daraufhin wird ihr eine schwere Decke um die Schultern gelegt und sie wird in ein Zimmer geführt, das einzige des Grenzhauses. Das Telefon, das der junge Grenzer heute benutzte ist vielleicht immer noch dasselbe, mit dem damals eine Dolmetscherin angefordert wurde, um endlich mit dem Verhör beginnen zu können.

Der Schweiß strömte klebrig über ihr Gesicht und sie wusste nicht, war es die Hitze oder die Erinnerung, die ihn strömen ließ, unaufhörlich. Von der Höhe des Anstieges aus konnten sie über den See blicken und deutlich den breiten Schilfgürtel erkennen, der ihn wie einen Schutzwall umzog. Kein Badesee war das, nein, ein See, der Vögel und vielen Wassertieren Zuflucht gewährte, nicht aber Menschen schützte, die sich in seinem Schilfgürtel verbergen wollten. Stumm hielten sie ihre feuchten Gesichter in den Wind, der vom See herauf strich und sie sanft kühlte. Neben ihnen genossen auch andere Radfahrer die schöne Aussicht und sie wunderte sich wie es für sie alle so selbstverständlich sein konnte, hier zu stehen, den See zu Füßen, die Grenze gefahrlos hinter sich und in weiter Ferne einzelne Wachttürme verstreut entlang des Uferstrei­fens. Dort drüben war es. Sie deutete mit ausgestrecktem Arm in Richtung See.

Sie weiß bis heute nicht, warum ihre Flucht gescheitert ist. Hatte sie Vögel aufgescheucht oder war sie verraten worden? Hatten ihre Vermieter Verdacht geschöpft? Sie hatte keine Ahnung. Hatte sie einem anderen gegenüber eine verdächtige Aussage gemacht? Jahrelanges Grübeln brachte sie nicht weiter. Die Lösung wird sie vermutlich nie finden, es sei denn durch Zufall. Manchmal möchte sie die Wahrheit darüber wissen, dann wieder fürchtet sie sich davor. Sie verdrängte aufdringliche Gedanken und erinnerte sich, warum sie hier war. Ihre Vergangenheit zu bewältigen wollte sie lernen. Ein Experiment mit sich selbst, um ihre Ängste endlich loszuwerden.

Gemeinsam kehrten sie zurück zur Straße, setzten ihren Weg fort. Die Landschaft wirkte hier eintönig. Vor ihnen tauchte das erste fremdsprachige Ortsschild auf. Trotz der Blumenrabatte zu beiden Seiten der Straße erweckte der Ort keinen einladenden Eindruck. Die Gehwege waren ungepflegt, ja verwahrlost und ein Blick in die Hinterhöfe und Einfahrten zeigte deutlich die Vernachlässigung der Häuser. Wieder fühlte sie sich wie in einem alten Film. Aber das war kein Film, das war lebendige Realität. Die jungen Frauen, die ihre Kinder in altmodischen Kinderwägen schoben, lebten hier, jetzt. Vielleicht gingen sie manchmal ins Kino, um ihrer begrenzten Welt zu entfliehen, stundenweise wenigstens.

Schilder an Fenstern und Einfahrten angebracht forderten Gäste auf, hier zu übernachten. Aber beide wollten weiter, zu bedrückend fanden sie die Atmosphäre. Würde sie das Haus, in dem sie damals wohnte wieder erkennen? Sie versuchte sich an besondere Kennzeichen zu erinnern, aber es gelang ihr nicht und so ließ sie ihrem Rad freien Lauf, bergab. Die Leute auf den Gehwegen blickten ihnen nach, alte Frauen, Einkaufstaschen schleppend und alte Männer, die auf Stühlen vor ihren Haustüren saßen, die Straße beobachtend. Sie schämte sich beinahe, dass es ihr so gut ging, materiell gesehen, dass sie sich einen Urlaub mit dem Fahrrad leisten konnte, was für manche der Bewohner anscheinend ein schwer verständlicher Luxus war.

Völlig unerwartet, im Vorüberfahren, blickte sie sekundenlang in die schwarzen Augen eines dunkelhäutigen Jungen. Krampfhaft hielt er sich an den rostigen Gitterstäben eines Eisenzaunes fest.

Einer Momentaufnahme gleich prägte sich dieses Bild in ihrem Gedächtnis ein, dieser schmächtige Junge hinter Gittern. Sie wandte ihm den Kopf zu, lächelte ihn an, er aber verharrte teilnahmslos in seiner Stellung. Dieses Gesicht, das so gleichmütig schien, ließ sie erschauern. So einsam und verlassen wirkte diese zarte Gestalt, eingesperrt hinter einem mächtigen Zaun. Eine vorher nie empfundene Welle von warmer Zärtlichkeit durchflutete sie und am liebsten hätte sie dieses Gesicht an ihre Schulter gedrückt, ihm Tränen abgewischt, die längst getrocknet waren, es einfach getröstet, aus welchem Grund auch immer. Stattdessen wurde sie selbst wieder zur Gefangenen ihrer eigenen Vergangenheit.

Während des Verhöres, damals, weigerte sie sich standhaft irgendeinen Namen zu nennen, außer ihrem eigenen. Sie wollte keinen anderen gefährden, auf keinen Fall. Warum wollte sie über die Grenze? Immer wieder diese Frage. Stundenlang, pausenlos  wie ihr schien. Zu keiner glaubwürdigen Antwort fähig, blieb sie hartnäckig stumm. Wie auch hätte sie denen erklären können was ihr Hauptbeweggrund gewesen war? Es war aussichtslos. Sie wollte endlich selbst entscheiden dürfen, ob sie im Westen oder Osten ihres Landes zu leben wünschte. Sie schloss nicht einmal aus, freiwillig wieder in den Osten zurückzukehren, nachdem sie den Westen kennen gelernt hatte. Aber niemand hätte es ihr geglaubt, also musste sie schweigen. Rein persönliche Gründe hatten sie gedrängt, die Grenze zu überschreiten. Zwar war es verboten, selbständig zu denken und zu entscheiden, in gewissen Bereichen vor allem. Diese Grenze aber war eine einzige Verlockung und zugleich die größte Herausforderung ihres Lebens. Einmal musste sie den Versuch wagen. Was anderen gelungen war, könnte auch ihr gelingen. Aber sie kannte auch viele Opfer. Es war wie in einem Märchen, wer hinter die verbotene Grenze blickte, war verurteilt zu sterben. Grausam, herzlos wie Märchen eben sind. Wer aber gehorsam tat, was die Mächtigen im Lande befahlen, der durfte zum Lohn am Leben bleiben. Welches Leben aber? Dieses Leben genügte ihr längst nicht mehr. Inzwischen war sie erwachsen und den Märchen entwachsen. Sie brauchte keinen mehr, der ihr sagte, was und wie sie zu denken hätte, mit wem sie sprechen durfte, wem sie trauen konnte.

In anderen Ländern sperrte man die Menschen nicht hinter Mauern als ob sie gefährliche oder unmündige Wesen wären. In anderen Ländern waren die Menschen frei. Nach dieser Freiheit, die jenen im Westen schon allzu selbstverständlich war, sehnte sie sich. Gewiss, ihr ging es nicht schlecht, besser sogar als vielen anderen. Sie hatte Arbeit, eine Wohnung und auch Freunde, wenngleich sie begonnen hatte einigen von ihnen allmählich zu misstrauen, ohne Gründe nennen zu können. Ihr Wunsch wurde innerhalb der letzten Jahre so unwiderstehlich stark, dass sie anfing Pläne zu entwerfen, geheime Fluchtpläne, die sie sich tief in ihrem Gedächtnis einprägte, das sie eigens zu diesem Zweck trainiert hatte, unermüdlich, monatelang.

Es wäre jedoch absolut sinnlos gewesen, ihre Überlegungen jenen preiszugeben, die die Grenze bewachten. Mitten im Verhör verließ sie nach einigen Stunden plötzlich alle Kraft, sie sackte zusammen, ein Schwächeanfall tauchte sie in  Bewusstlosigkeit und Vergessen.

Einzige Erinnerung an das Wiedererwachen blieb das teilnahmsvolle Gesicht der Dolmetscherin, die anscheinend lange schon auf dem unbequemen Stuhl neben ihrem Bett saß und auf diesen Augenblick gewartet zu haben schien. Allmählich erst wurde ihr klar, in welcher Lage sie sich nun befand. Nicht über die Grenze war sie geflohen, nein, neue Grenzen hatte sie sich aufgebaut, unüberwindliche diesmal, die Wände einer Gefängniszelle. Ihre Blicke durchforschten mühsam das winzige Zimmer, in dem sie sich befand. Die Wände kahl, der Boden nackter grauer Beton, an der Decke eine Lampe, deren Licht so grell war, dass man die Augen schließen musste. Was sie be­sonders schmerzlich traf, war das Fenster, vergittert, eine Lücke nur für ein wenig Licht von draußen, aber nicht dazu bestimmt hinauszusehen. Sie, die über die Grenze wollte, lag hilflos, tatenlos hier, umgeben von Grenzen, bedrohlicher denn je.

Die vertraute Stimme ihres Begleiters holte sie zurück aus ihren quälenden Erinnerungen. Er warnte sie besorgt vor einem gefährlichen Schlagloch in der Straße, dem sie gerade noch ausweichen konnte. Schweigend fuhren sie weiter, die Hitze nahm zu. Jeder neuer Anstieg wurde zur körperlichen Herausforderung. Tritt für Tritt kämpfte sie sich die Anstiege  hoch, spürte den Schweiß über das Gesicht rinnen, schmeckte ihn mit der Zunge, klebrig, salzig. Ihr lauter Atem dröhnte in den Ohren, aber entschlossen, nicht aufzugeben, gewann sie die Kraft zum Durchhalten, in kleinen Portionen, aber ausreichend. Während in ihr ein Kampf stattfand zwischen ihrem Willen und ihrem Körper, sah sie schon die Abfahrt vor sich, spürte den Wind kühlend im Gesicht und erlebte das befreiende Gefühl des Loslassens, bergab, mühelos, schnell.

Stunden vergingen. Selten sprachen die beiden miteinander und doch war sie froh, nicht allein unterwegs sein zu müssen in diesem Land, das ihr fremder denn je zuvor erschien. Das ständige Atmen mit offenem Mund trocknete ihren Gaumen aus, das Schlucken wurde immer unangenehmer. Sie hielten auf einer Anhöhe kurz an, um zu trinken. Kaum hatten sie die Räder aneinandergelehnt, da entdeckten sie den Hund. Er stöberte in den Weinbergen neben der Straße herum, als brauner Fleck war er gut erkennbar. Misstrauisch näherte er sich ihnen langsam, unterwürfig beinahe. Mit schmeichelnden Worten versuchte sie ihn zu locken, aber er konnte sie nicht verstehen, freundliche Töne war er nicht gewohnt. Neugierig auf seine Reaktion warf sie ihm einige Wurststücke zu. Erschrocken sprang er zur Seite, kehrte aber zögernd wieder um, überwältigt von dem unwiderstehlichen Geruch. Sie konnte das Misstrauen dieses Hundes gut verstehen. Ihr schien, als hätten das Tier und sie eine gemeinsame Vergangenheit. Wie lange mag es wohl gedauert haben, um jegliches Vertrauen in andere auszumerzen? Und mit welchen Mitteln mag das geschehen sein?

Der Schock der missglückten Flucht löste eine totale Resignation in ihr aus, körperlich und geistig. Sie ließ sich einfach fallen, kein Ziel mehr vor Augen, das lohnenswert schien, nur noch das Gefühl der Verlorenheit. Die Kälte, in der man sie stundenlang – oder vielleicht kam es nur ihr so vor – mit nasser Kleidung stehen ­gelassen hatte verursachte Fieber, das eine Lungenentzün­dung ankündigte. Es dauerte Wochen, wie man ihr später mitteilte bis sich ihr Zustand wieder stabilisiert hatte, aus medizinischer Sicht. Sie verbrachte diesen Zeitraum in einem ständig schwankendem Zustand zwischen Wachen und Schlafen, nahm alles um sie herum nur verschwommen wahr, als blickte sie durch eine beschlagene Fensterscheibe. Verhöre waren unmöglich.

Sie konnte es nicht fassen, dass die Ärzte ernsthaft um ihr Leben kämpften, das, wäre sie nur wenige Schritte der Grenze näher gekommen, längst ausgelöscht gewesen wäre. Noch lebte sie, noch konnte sie verhört werden. Also musste sie wiederhergestellt werden für weitere Fragen, Fragen und immer wieder Fragen. Sinnlos, Antworten zu finden, wahre oder falsche, keine einzige würde akzeptiert werden. Wie ein Bumerang träfen sie alle auf sie, die Befragte zurück.

Allmählich taten die Medikamente ihre Wirkung, wider ihren Willen. Sie spürte wie es ihr langsam besser ging. Aber diese Erkenntnis hütete sie wie ein Geheimnis. Keiner durfte ihre fortschreitende Gesundung bemerken. Nur so könnte sie vermeiden, eine gewisse Zeit wenigstens, dem unerträglichen Alltag des Gefängnisses und seinen Schikanen ausgeliefert zu werden. Tagsüber stellte sie sich schlafend, wann immer jemand in ihre Nähe kam, oft schlief sie auch tatsächlich erschöpft ein. In den Nächten lag sie wach, mit geschlossenen Augen und dachte nach. Unentwegt besah sie sich die Lage, in der sie sich befand, versuchte aus allen möglichen Blickpunkten einen Ausweg zu finden. Wie lange konnte sie die Ärzte und Schwestern noch über ihren Zustand täuschen? Zeit zu gewinnen war plötzlich ihr neues Ziel, das es zu erreichen galt. Möglichst lange auf der Krankenstation zu bleiben, abgeschirmt von der unbekannten Realität hinter den Mauern, befreit von Arbeitszwang und Verhören. Das war ihr Ziel und es schien erreichbar, im Augenblick jedenfalls.

Gedankenverloren sah sie zu wie ihr Begleiter dem Hund weitere Wurststücke zuwarf und dabei amüsiert den verzweifelten Kampf beobachtete, der sich stumm in seinem Inneren abspielte. Lange wusste das Tier nicht, ob es sein Misstrauen überwinden sollte. Schließlich siegte das quälende Hungergefühl. Wieder näherte sich der Hund, schnappte blitzschnell einen Bissen und zog sich sofort erneut zurück, ihn gierig verschlingend, ehe er sich an den nächsten wagte. Beide waren sekundenlang auf den Hund fixiert, beobachteten ihn fasziniert.

Plötzlich meinte sie die schmerzenden Hungergefühle wieder zu verspüren, unter denen sie selbst litt, als sie auf der Krankenstation lag. Damals war sie fest entschlossen, weiterhin krank zu bleiben. Ihr Körper aber weigerte sich, diesen Entschluss anzunehmen und rebellierte. Sie konnte es nicht verhindern, dass sie sich langsam kräftiger fühlte. Ihr Ziel schien dadurch gefährdet. Damals nahm sie kaum  Nahrung zu sich, um ihren Körper gewaltsam an einer vollständigen Gesundung zu hindern. Die Verhöre rückten wieder näher sobald es ihr besser ging. Sie wusste es. Entsetzt dachte sie an die endlosen Gespräche, die eigentlich nur Monologe waren. Fragen, Fragen, auf die es keine Antwort gab. Ein Katz- und Mausspiel. Kurz durfte sie die ersehnte Freiheit wittern, die Hoffnung erleben, vielleicht doch noch zu entkommen, aber dann spürte sie schon erneut die Krallen mit denen man sie festhielt, messerscharf.

Aussichtslos der Kampf, aber trotzdem gab sie nicht auf. Später konnte sie nicht mehr sagen, was ihr die Kraft zum Durchhalten gegeben hatte, als der Hunger sie quälte. Sie verbot sich das Essen, um die Genesung hinauszuzögern. Tagelang meinte sie, der Hunger würde sie besiegen. Beim Geruch von Nahrung sammelte sich Speichel in ihrem Mund, den sie mühsam schluckte. Ihr Körper war bereit zu essen, aber ihr Wille sagte nein. Wie lange würde sie stark genug bleiben? Sie dachte an Freiheit. Sah sich im Westen, irgendwo, das Gefängnis weit hinter sich. Sah einladende Fenster, an denen hölzerne Kästen hingen aus denen in üppiger Fülle Blumen quollen, bunten Sonnen gleich. Sah Wege, auf denen sie unbeschwert gehen konnte, allein oder mit Freunden. Und tatsächlich, nach einigen Tagen hatte sie es geschafft, ihr leerer Magen rebellierte nicht mehr, das Hungergefühl war gebannt.

Selten noch brachte man sie zu Verhören. Sie durfte sitzen, eine Krankenschwester begleitete sie. Beim letzten Mal bemerkte sie eine auffallende Unruhe, die von den Richtern ausstrahlte. Hatte sich etwas ereignet, von dem sie keine Ahnung hatte oder haben durfte? Jede Änderung aber könnte eine Chance für ihre Zukunft bedeuten. Obwohl sie nach außen weiterhin apathisch wirkte, wurde sie hellhörig. Sie sammelte Wortfetzen, um daraus die entscheidende Nachricht zusammensetzen zu können. In unbeobachteten Augenblicken begannen die Patienten miteinander zu tuscheln, heimlich, verstohlen. Schwestern, Ärzte, Patienten, alle wurden von dieser unerklärlichen Unruhe erfasst, die bei den einen Angst hervorrief, bei vielen anderen jedoch längst verschüttete Hoffnungen wachrief. Was war geschehen?

Ihr Begleiter bot ihr einen letzten Schluck Wasser an, dann schnürten sie ihre Rucksäcke. Wenige Kilometer trennten sie noch vom nächsten Grenzübergang. Auf der anderen Seite befand sich der Anlegeplatz der Fähre. Sie mussten sich beeilen, die Fähre würde nicht warten auf sie. Müdigkeit ließ sie langsamer treten, einzig der Zeitdruck trieb sie weiter an. In diesem Land wollte sie auf keinen Fall länger bleiben, also weiter treten, immer wieder treten. Endlich, die Ankündigung der Grenzstation. Erleichterung erhellte ihr Gesicht. Diesmal war es kein kleines Zollhaus, sondern ein modernes steriles Gebäude, erstaunlich groß. Mit gezückten Pässen näherten sie sich einem gleichgültigen Beamten, der sie gelangweilt weiter winkte, hinaus aus diesem Land, das sie schon einmal hatte verlassen wollen. So einfach war das heute: Pass vorzeigen, weitergehen, Grenze passiert, gefahrlos.

Schon einmal hatten schwere Tore sich geöffnet, waren Schranken hochgegangen, hatten Uniformierte ihr gewunken, auffordernd, ungeduldig. Zögernd, auf schwankenden Beinen, einen Pass in der Hand, den sie soeben erhalten hatte, war sie aus dem Gebäude hinausgetreten in die Freiheit. Frei, sie wäre frei hatte ihr kurz vorher ein Arzt mitgeteilt, kommentarlos. Völlig unerwartet traf sie diese Nachricht. Es dauerte unendlich lange bis sie deren Sinn begriff. Warum sie frei war, sie wusste es noch immer nicht. Verwirrt stand sie auf der Straße, umgeben von fremden Menschen, die alle in froher Erregung laut gestikulierend durcheinander redeten, lachten und weinten, unverständlich für sie. Da packte sie einen Mann am Arm, kurz entschlossen. Was war geschehen? Ungläubig starrte er sie an. Da war doch tatsächlich jemand, der es noch nicht wusste, dass die Grenzen  nach beiden Seiten nun passierbar waren, gefahrlos. Freiheit, schrie der Mann, Freiheit. Keine verbotenen Grenzen mehr. Taumelnd bewegte sie sich weiter. Vor einem fremden Hauseingang sank sie erschöpft auf eine ausgetretene Treppenstufe nieder, verschränkte die Arme, ließ ihren Kopf schwer darauf sinken und flüsterte kaum hörbar, ich bin frei. Immer wieder stammelte sie diese alles entscheidenden Worte, spürte nicht die Tränen, deren Strom sie unaufhaltsam in die Freiheit spülte.

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