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Sondermüll

Kennen Sie mich schon? Sicher nicht, deshalb werde ich mich vorstellen. Mein Name ist A. Z., ich wohne in einer Kleinstadt, bin 40 Jahre alt und von Beruf Seelenmüllschlucker. Jetzt wundern Sie sich bestimmt. Nein, Sie haben sich nicht verhört, mein Beruf ist tatsächlich Seelenmüllschlucker.

Davon haben Sie sicher noch nie gehört,  nehme ich an. Das ist ein typischer Frauenberuf und ich bin die erste Frau, die diesen Beruf ausübt und ihn auch entdeckt hat.

Es fing alles ganz harmlos an. Interessiert es Sie? Dann hören Sie gut zu.

Vor einigen Jahren noch war ich nur innerhalb meiner Familie aktiv. Bei einem Ehemann und zwei Kindern gab es schon eine Menge seelischen Problemmüll zu schlucken und rief dann erst die Schwiegermutter an, war ich zusätzlich sehr gefordert. Wenn diese ein seelisches Tief hatte, wählte sie einfach meine Nummer. Kaum hatte ich den Hörer abgehoben, konnte ich schon an ihrer leisen gleichförmigen Stimme erkennen, dass es ihr schlecht ging. Nach kurzem hin und her, einigen allgemeinen Fragen der Höflichkeit halber, rückte sie dann endlich heraus mit ihren Problemen.

Mal war es ihr eigensinniger Mann, mal sein stets kläffender Hund oder ihr miserabler Gesundheitszustand, der mir durch deutliches Husten in den Hörer demonstriert wurde. Und ich, was machte ich?

In meiner Anfangsphase, unerfahren noch, überlegte ich mir für jedes  noch so kleine Problem eine ernsthafte Lösung. Versetzte mich dazu in die Lage aller Beteiligten, um die beste Lösung zu finden. Kaum hatte ich sie der Leidgeplagten mitgeteilt, bekam ich zu hören, dass das ja alles nicht so einfach sei wie ich mir das vorstellte.   Nun gut, im Laufe der Jahre habe ich gelernt, mich zurückzuhalten, denn alle meine Versuche, Probleme zu lösen scheiterten kläglich. Nachdem ich mir oft tagelang den Kopf zerbrochen hatte über Probleme anderer, stellte ich überrascht fest, dass es denen nach dem Abladen bei mir längst schon wieder besser ging. Nie, aber auch nie wurde ein Angebot meinerseits angenommen.

Solche Erfahrungen machte ich mit vielen Menschen. Wer in einer seelischen Notlage war, rief mich an und ehe ich von meinen Schwierigkeiten, dies es natürlich auch gab, erzählen konnte, war das Gespräch schon beendet.

Allmählich erkannte ich, dass ich scheinbar ungeahnte Fähigkeiten habe. Vielen Menschen genügt es einfach, wenn sie ihren seelischen Müll abladen können, ohne Ratschläge zu bekommen, die meistens unbequem sind und ohne sich rechtfertigen zu müssen. Da entstand in mir diese Idee, mich auch außerhalb meiner Familie als Seelen­müllschlucker zu betätigen.

Als erstes setzte ich ein Inserat in die Zeitung. Es hatte folgenden Wortlaut:“ Wohin mit Ihrem seelischen Problemmüll? In den Müllschlucker damit. Umwelt- und persönlichkeitsschonendes Recycling wird garantiert. Absolut ungefährlich, vollkommen un­schädlich und anonym. Rufen Sie an und laden Sie ab.“

Die freundliche Dame, welche meinen Text aufnahm, schaute mich dabei immer wieder merkwürdig an. Ich versuchte möglichst unbefangen zu wirken  und es glückte mir sogar, sie anzulächeln, was ihren Eindruck, dass ich verrückt sei wahrscheinlich erst recht verstärkte. Sicher vermutete sie eine neue Art von Telefonsex oder ähnlichem, nehme ich an. Aber das war mir vollkommen egal. Ich musste endlich wissen, ob ich mich tatsächlich als Seelenmüllschlucker eignete.

Nun begann das Warten, tagelang. Bei jedem Telefonanruf raste ich wie wild zum Apparat, hob ab, sprach besonders freundlich in den Hörer und jedes Mal war ich enttäuscht und doch zugleich auch erleichtert, wenn ich bekannte Stimmen vernahm.

Aber – ungefähr nach einer zermürbenden Woche war es tatsächlich so weit:

Eine aufgeregte Frauenstimme fragte zaghaft, ob meine Anzeige auch bestimmt kein Scherz sei. Ich versicherte ihr so liebenswürdig wie möglich, dass es ein durchaus seriöses Angebot sei mit dessen Hilfe sie ihren Seelenmüll endlich loswerden könne. Nach einigem Zögern  und mehrmaliger Ermunterung meinerseits, gelang es ihr dann doch, mir zu berichten, was sie so bedrückte. Aufmerksam, ohne die Frau zu unterbrechen, hörte ich ihr zu. Am Ende wollte sie wissen, ob ich nun helfen könnte. Eindringlich erklärte ich ihr, dass sie soeben eine Unmenge Müll von ihrer Seele geladen hatte. Nun wäre sie auch wirklich davon befreit und bald würde es ihr besser gehen.

„Stellen Sie sich vor, Ihre Probleme sind jetzt von mir geschluckt,  also freuen Sie sich.“

„Das ist alles ?“ fragte sie ungläubig. „So einfach ist das und ich hatte so lange damit gezögert.“

„So einfach ist das,“ bestätigte ich, „und sollten Sie wieder Problemmüll haben, meine Nummer kennen Sie nun ja.“

Erleichtert dankte sie und erkundigte sich noch nach den Kosten für die ungewöhnliche Art der Müllbeseitigung. Das allerdings hatte ich mir damals noch nicht so richtig überlegt und deshalb verlangte ich erst einmal eine beliebige Spende auf mein Konto.

Meine Damen und Herren, viele von Ihnen sehen mich zweifelnd und spöttisch lächelnd an. Oh, ich kann Ihre Gedanken beinahe lesen. So eine verrückte Spinnerin werden Sie denken. Aber meine Damen und Herren, ich bitte Sie meiner Geschichte noch etwas Aufmerksamkeit zu schenken, ehe Sie ein endgültiges Urteil darüber fällen.

Mein neuer Beruf war also geschaffen. Seit diesem. eben geschilderten Tag, klingelte mehrmals in der Woche das Telefon. Immer stand ich bereit, ob die Kinder gerade schrien, sich prügelten, das Essen eben verbrannte, weil ich es nicht mehr rechtzeitig vom Herd ziehen konnte. Egal, ich war stets pflichtbewusst, stand am Telefon, hörte zu und schluckte.

Ich sehe, Sie sind nun doch etwas neugierig geworden und wollen wissen, was ich da alles schlucken musste. Da ich vollkommen anonym arbeite, fällt es mir leicht, Ihnen einige Beispiele genauer zu beschreiben.

Stellen Sie sich also vor, es rufen Frauen und Männer an, verschiedener Herkunft, verschiedenen Alters und mit verschiedenen Berufen. Raten Sie kurz, ob häufiger Frauen oder Männer anrufen. Wie – Sie meinen, natürlich mehr Frauen, da diese bekanntlich  dazu neigen, öffentlich über ihre Probleme zu reden. Ich muss Sie allerdings enttäuschen, denn tatsächlich sind es mehr Männer die abladen. Sie fragen sich: warum?

Das ist ganz leicht zu erklären. Wie wir alle wissen, müssen in unserer Gesellschaft die Männer den starken Mann spielen, d.h., sie dürfen keine Schwierigkeiten und Probleme haben. Sollte ein Mann aber erkennen, dass er nicht dem geforderten Idealtyp entspricht, eben weil er Probleme hat, was macht er dann?

Selten zieht er es vor, schweigend zu leiden. Meistens versucht er, seine Frustrationen innerhalb der Familie gegenüber den Kindern oder seiner Partnerin durch aggressives Verhalten loszuwerden.

Die Stimmung in der Familie wird dadurch nicht besser, seine eigene letztlich auch nicht, also wieder Frustration und Aggression usw. Diese Theorien kommen Ihnen sicher bekannt vor.

Dieser unheilvolle Teufelskreis muss also deshalb unbedingt unterbrochen werden, um zu verhindern, dass seelischer Problemmüll sich bei Verwesungsprozessen in gefährliche aggressive Strahlung verwandelt, die Mensch und Umwelt zerstört.

Indem ich nun den Problemmüll für andere schlucke, helfe ich somit den Teufelskreis zu durchbrechen. Gerade Männern, so konnte ich immer wieder feststellen, verschafft meine neue Methode spürbare Erleichterung, da niemand zu erfahren braucht, wie verzerrt das Idealbild vom starken Mann in Wirklichkeit oft ist.

Welche Männer das sind, wollen Sie nun wissen. Also überwiegend sind es Männer, die unzufrieden mit ihrer beruflichen Karriere sind. Häufig befürchten sie arbeitslos zu werden, leiden dabei unter sog. Katastrophenangst, d.h. sie sehen ständig schwarz und vergessen darüber, sich über die angenehmen Seiten ihres Lebens zu freuen.

Andere wiederum leiden unter ihren Partnerinnen, weil sie nicht dem männlichen Idealtyp von Frau entsprechen. Sie fühlen sich laufend von ihnen unterdrückt und nicht ausreichend geschätzt, obwohl sie doch in harter Arbeit das tägliche Brot verdienen. Abends, wenn sie müde und erschöpft auf die bequeme Couch sinken können sie sich unmöglich noch um ihre Familien kümmern. Genau das aber erwarten, zum Entsetzen der Männer, ihre Partnerinnen. Deren Vorwürfe werden entschieden zurückgewiesen, da sie vollkommen absurd und total ungerechtfertigt sind. Warum aber wollen die Männer dann doch per Telefon abladen? In mir regt sich leise die Hoffnung, dass da ein schlechtes Gewissen vielleicht die treibende Kraft sein könnte.

Langsam wird es einigen der anwesenden Herren ungemütlich, stelle ich fest. Keine Angst, ich werde gleich von den Frauen reden, die mich in Anspruch nehmen.

In erster Linie handelt es sich dabei natürlich um die Frauen der leidgeplagten Männer. Diese schildern nun die Situation aus ihrer Sicht und nennen Probleme wie z. B fehlendes Interesse des Mannes an der Familie, keine Beteiligung bei der Erziehung gemeinsamer Kinder sowie das Schreckgespenst der drohenden Arbeitslosigkeit, welches die Familie ständig in Angst vor dem Sozialamt versetzt. Zusätzlich leiden diese Frauen an der fehlenden Wertschätzung seitens ihrer Partner. Täglich rackern sie sich ab, spielen Putzfrau, Packesel, Nachhilfelehrer, Kindermädchen und Krankenschwester, alles ohne jeglichen Verdienst, ohne Überstundenvergütung und ohne Urlaub. Dabei fordern sie nur die Anerkennung ihrer Männer .

Auch dieser Problemmüll muss selbstverständlich umgehend beseitigt werden ehe ein neuer Teufelskreis zustande kommt. Ich schlucke also unaufhörlich und schaffe so wieder saubere Beziehungen zwischen den Partnern, entlaste und bereinige, sozusagen. Das unbegrenzte Schlucken fremden Problemmülls brachte mir selbst mit der Zeit erhebliche Probleme. Leider musste ich erkennen, dass mein Fassungsvermögen nicht unbegrenzt war.

In der Anfangsphase hatte ich oft wilde Träume, sah mich auf qualmenden stinkenden Abfallhalden herumsteigen und all den Müll, den ich geschluckt hatte unter großen Anstrengungen wieder herauswürgen. Nicht das Schlucken erschien mir als Hauptproblem, sondern die Wiederaufbereitung. Wie gelang es mir, den seelischen Müll umzuformen in positive geistige Energien und stabile Charakterfähigkeiten, aus denen er meiner Meinung nach vermutlich durch Fehlverhalten entstanden ist? Noch fehlte mir die entscheidende Idee. Schweißgebadet wachte ich jede Nacht auf und war geplagt von schweren Hustenanfällen, die mich hartnäckig am Einschlafen hinderten.

Wohin nun mit diesem Müll? Diese Frage geisterte ständig in meinem Kopf herum. Fast wollte ich schon aufgeben, fühlte mich aber in meinem Beruf bestätigt durch erste finanzielle Erfolge, die sich überraschend schnell eingestellt hatten. Ich wurde also gebraucht, durfte deshalb nicht aufgeben. Täglich spazierte ich auf verschiedenen Müllhalden herum, in der heimlichen Hoffnung auf eine brauchbare Lösung des Müllproblems. Ständig verglich ich meinen seelischen Müll mit dem sog. klassischen Müll, der hier stinkend und verwesend herumlag. Aus der Bücherei holte ich mir unzählige Bücher zum Thema Müll, wurde fast schon Müllexperte, aber das Thema Seelenmüll fand ich leider in keinem einzigen Buch erwähnt.

Endlich, wie aus heiterem Himmel, hatte ich sie gefunden, die Lösung meines Müllproblems. Nach einer sehr strapaziösen Woche, in der es viel zu schlucken gab, begann ich nach jedem Anruf, den Müll zu sammeln, d. h. ihn aufzuschreiben auf lose Blätter. Im Laufe der nächsten Wochen hatte ich eine richtige Sammlung von Problemmüll verschiedenster Art angelegt.

Jetzt wurde es spannend, denn bald würde sich erweisen, ob meine geplante Lösung auch wirklich funktionieren würde. Ich besorgte mir ein Vorlesungsverzeichnis der nächsten Universität und notierte mir alle Vorlesungen im Fachbereich Psychologie. Jedem der Dozenten schickte ich nun eine Kopie meiner inzwischen sehr umfangreichen Sammlung und wies daraufhin, dass dies eine bisher noch nie da gewesene einzigartige Möglichkeit sei, seelische Probleme der aktuellen Gegenwart zu erfahren und ungehindert studieren zu können.

Von einem einzigen Dozenten wurde ich daraufhin angeschrieben und ich sollte ihm meinen neuen Beruf exakt schildern, was  ich denn auch ausführlich tat. Er war sofort von meiner Idee fasziniert und wollte meine Sammlung gerne behalten und laufend ergänzen. Wir vereinbarten ein nicht zu geringes Honorar und ich hatte es endlich geschafft, meinen Seelenmüll umweltschonend zu recyceln. Der Professor aber konnte jederzeit im Seelenmüll wühlen und anhand lebensnaher Problemfälle die psychologischen Fähigkeiten seiner Studenten testen.

Ich aber konnte wieder eine Menge neuen Problemmüll schlucken, ohne daran ersticken zu müssen.

Nun, werte Damen und Herren, wie denken Sie jetzt über die Funktion eines Seelenmüllschluckers? Mir scheint, seine reinigende Wirkung im zwischenmenschlichen Bereich überrascht Sie. Übrigens, neuerdings schlafe ich wieder ohne Müllhaldenträume und die quälenden Hustenanfälle sind auch verschwunden.

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