Schlagwörter

, , , ,

Gesicht

Du kommst in letzter Zeit sehr selten und dabei immer unerwartet. Oft blicke ich aus dem Fenster, horche angespannt auf die Geräusche von draußen, aber du bist nicht unterwegs zu mir. Bin ich aber in eine Arbeit vertieft, ohne einen Gedanken an dich, stehst du plötzlich vor der Tür und willst eingelassen werden. Mir selbst ist es völlig unerklärlich, daß ich mich jedes Mal freue, wenn du da bist, obwohl du keinerlei Rücksicht auf mich nimmst. Nie hätte ich gedacht, die Freiheiten ertragen zu können, die du dir gönnst. Eigentlich sollte ich dir böse sein, denn du kommst und gehst wie du willst, wann du willst. Aber ich bin es nicht. Jeden deiner Besuche nehme ich wie ein seltenes Geschenk an, von dem ich nicht weiß, was sich unter der Verpackung verbirgt. Manchmal suchst du meine Nähe, ja drängst dich in einer Weise auf, die mich dazu zwingt, nur für dich da zu sein. Deine Wärme, deine Weichheit machen mich stets nachgiebig und ich schenke dir meine kostbare Zeit, die schon längst verplant war ehe du auftauchtest. Woher du kommst ist dein Geheimnis, ebenso wohin du verschwindest. Ich akzeptiere diese Tatsache und dringe nicht in dich ein, frage nicht, forsche nicht, genieße deine Anwesenheit.

Du hast auch Launen, die ich dir kritiklos zubillige, während ich sie bei anderen schnell verabscheue.

Es gibt Tage, an denen du dir einen ruhigen Platz in meiner Wohnung suchst und dich weigerst, mit mir Kontakt aufzunehmen. Du bist einfach da und wünscht in Ruhe gelassen zu werden. Kann ich es nicht ertragen, dich nur anzusehen,  versuche ich  eine zärtliche Geste, um deine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Aber du wehrst meine Nähe ab, du bist nicht bereit, mich neben dir zu ertragen. Was bleibt mir übrig, als dich zu lassen wie du bist, will ich dich nicht verlieren.

Zufällig hatten wir uns kennengelernt. Ich hatte keineswegs die Absicht mich näher auf dich einzulassen, fürchtete neue Abhängigkeiten, neue Hoffnungen, deren Erfüllung im Ungewissen bleiben würde. Gerade war ich dabei ein wenig mehr Zeit für mich zu schaffen, ein kleines Stück Freiheit, handtuchgroß nur, aber ich konnte meine geheimsten Wünsche darauf ausbreiten. Nun kamst du und mischtest dich ungefragt in mein Leben, meldetest deine Bedürfnisse an, ohne Hemmungen. Meinen Vorsatz, dich nicht zu beachten konnte ich nur kurze Zeit durchhalten, denn jede Berührung deinerseits ließ meinen Widerstand schmelzen wie einen Eiswürfel, der versehentlich in heißen Tee gefallen war.

Wortlos stimmte ich also unserer Beziehung zu, beschloß dabei, dir deine Freiheit zu lassen und mir meine zu nehmen, wann immer ich Lust dazu hatte. Du hattest nicht dagegen protestiert. Ja, du schienst mir sogar erleichtert, denn  deine Freiheit war gesichert. Unsere lockere Beziehung lebt somit von gegenseitiger Toleranz. An manchen Tagen aber ertappe ich mich dabei, dass ich mir wünschte du wärest hier und ich könnte mich an dir und deiner Gegenwart wärmen. Du aber würdest niemals auf deine Freiheit verzichten, das fühle ich ganz deutlich. Du bist ein echter Egoist. Du allein bist dir wichtig, deshalb bin ich auf der Hut und vermeide alles, was dich einschränken könnte. Eigentlich sollte ich dich laufen lassen, ohne mich weiter um dich zu kümmern.  Was also hindert mich daran? Mein eigener Egoismus? Fast befürchte ich, daß es so ist. Irgendwie habe ich mich an dich gewöhnt und nur selten, wenn ich dich streichle, versuche ich mir vorzustellen wie viele Hände du schon gespürt hast, aber ich weiß, nie wirst du mir das verraten. Auch das gehört zu deiner Freiheit. Selbst wenn sich in mir ein wenig Eifersucht regt, dann ist das mein Problem, würdest du vermutlich sagen, aber ich verrate dir nichts von meinen Gefühlen. Auch ich habe Geheimnisse.

Du brauchst dir nicht einzubilden, ich wäre auf dich angewiesen. Oh nein, ich habe einen Mann und zwei Kinder. Du siehst, du bist einer zuviel im Haus.

Aber, ehrlich gesagt, du bist einer, der trotzdem immer gerne begrüßt wird, auch wenn es gerade turbulent zugeht. Woran das liegt? Auch wenn es komisch klingt: du hast ein rotes Fell mit weißen Streifen, kannst schnurren und miauen, das genügt.

Advertisements