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Heut Abend_sm

Endlich. Sie saß im Abteil. Den Koffer sicher im Netz über ihrem Platz verstaut, genoss sie den Blick aus dem Fenster. Alleinsein: Ein Abteil ganz für sich zu haben, Zeit zum Nachdenken, zum Träumen, zum Pläneschmieden. Alles wollte sie in Zukunft anders machen, aber darüber wollte sie jetzt noch nicht nachdenken, wollte nur den Blick auf die Landschaft genießen, erwartete den ersten Ruck des Zuges, freute sich darauf wie ein kleines Kind. Und tatsächlich, kaum merklich kam der Zug ins Rollen, sie spürte die beruhigende gleichförmige Bewegung, deren Vibrieren sich  in ihrem Körper fortsetzte. Sie war unterwegs, unterwegs nach Hause. Einen Tag früher als geplant war sie entlassen worden. Sie hatte keinem Bescheid gesagt, wollte ihren Mann überraschen, ihm die lange Anreise ersparen und sich selbst die Zugfahrt gönnen. Das Krankenhaus lag hinter ihr. Sie begann sich wohlzufühlen, schmiegte sich in die Polster und ließ die Landschaft wie einen Stummfilm vorbeiziehen, erkannte Fahrzeuge in weiter Entfernung, sah einzelne Gestalten sich auf den Feldern bewegen, weit weg, versuchte, sich die Namen der einzelnen Bahnstationen einzuprägen, notierte in ihren Gedanken die Namen von Ortschaften, die sie speichern wollte für später, für irgendwann einmal, wozu auch immer. Sie sammelte ausgefallene Ortsnamen wie andere Schmuck oder Briefmarken, erfreute sich am Klang origineller Namen wie Apfeldorfhausen oder Weibersbrunn. Ganz versunken in die bewegten Bilder vor ihrem Fenster bemerkte sie erst, dass sie nicht mehr allein im Abteil war, als sie das Geräusch, der sich schließenden Tür vernahm. Sie blickte kurz auf und nickte der jungen Frau zu, die ihr schräg gegenüber Platz genommen hatte. Keine Reaktion. Sie wandte sich wieder dem Fenster zu. Schade, das Alleinsein war vorbei. Sie fühlte sich gestört durch die Anwesenheit dieser fremden Person, die es nicht einmal für nötig hielt, ihren Gruß zu  erwidern. Aber eigentlich sollte sie dennoch zufrieden sein. Noch waren nicht mehr Plätze besetzt. Die Bahn war schließlich für alle da. Ein Rascheln. Erneut wandte sie den Blick in die Richtung der jungen Frau, die inzwischen in einer Zeitschrift blätterte. Unauffällig warf sie einen Blick darauf, erkannte überrascht Worte in italienischer Sprache, vermutete, dass die Fremde in „Adesso“ las, einer Zeitschrift, die auch sie gerne las, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Ein Hauch von Sympathie und Neugier berührte sie. Anscheinend hatten sie ein gemeinsames Interesse: Italienisch. Das Zuschnappen eines Brillenetuis ließ sie automatisch zu der jungen Frau hinüberblicken. In einer Momentaufnahme erfasste sie mit ihrem „Künstlerblick“ rasch deren Gestalt: Die Frau war hübsch. Sie war jung. Schlanke Figur. Modern gekleidet. Unauffällig geschminkt. Faltenlos das Gesicht. Eine Puppe, deren perfektes Äußeres nichts über ihr Innenleben verriet? Stopp. Vorsicht war geboten. Sie war doch gegen billige Vorurteile. Zum Malen forderte ihr glattes Gesicht allerdings nicht auf, bot es doch zu wenige Konturen, zu wenige Schattenseiten, zu viel Licht. Aber sie hatte ja nicht vor, ein Porträt zu machen. Warum sollte sie auch? Wieder versuchte sie sich auf das Draußen zu konzentrieren, die fremde Person zu ignorieren. „Hallo, ich bin’s.  Ja, ich sitze im Zug, ganz  wie geplant. Ich hoffe, heute Abend klappt es mit unserem Treffen. Um acht Uhr, wie vereinbart. Ach, du hast Plätze reservieren lassen beim Griechen. Moment, im Olympia, sagst du. Okay. Wunderbar. Ja, ja. Also gut. Versuchen wir es. Hast du heute schon im Krankenhaus angerufen? Nein? Wie? Gestern hieß es, sie sollte übermorgen entlassen werden.“ Mit geschlossenen Augen lauschte sie unfreiwillig dem Gespräch. Sie hasste diese Handy-Leute, die, egal wo sie sich befanden, ihr Handy zückten, um so, völlig ohne jegliche Diskretion die Umstehenden an ihren meist nichts sagenden und – ihrer Meinung nach – vollkommen überflüssigen Gesprächen teilnehmen zu lassen, bzw. diese förmlich zum Zuhören zwangen, weil ihnen in überfüllten Abteilen oft keine Ausweichmöglichkeit blieb. Unfreiwillig wurde man somit zum Zuhören verdammt. Sie hätte aufstehen und das Abteil verlassen können. Gewiss. Sie hätte die Fremde bitten können, woanders ihre Gespräche zu führen. Sicher. Sie war immer noch zu schüchtern, wollte nicht unhöflich sein und außerdem, an dem Gespräch hatte sie etwas stutzig gemacht. Krankenhaus und entlassen? Genau das traf auf sie zu. Konnte es sein, dass der Gesprächspartner der jungen Frau ihr Mann war? Sie erstarrte plötzlich. Nein. Doch. Vollkommen absurd. Wie käme ihr Mann, ihr eigener Mann dazu, sich mit dieser unbekannten  Schönen zu treffen? Immerhin, sie war wochenlang weg gewesen, im Krankenhaus, auch sie sollte nach Aussagen der Ärzte erst morgen entlassen werden. Aber was keiner wusste: In der Nacht war plötzlich ein Bett benötigt worden und so durfte sie eher gehen. Wer sagte denn, dass das Gespräch mit einem Mann geführt worden war? Es könnte sich ja auch um ein Treffen von … zum Beispiel zwei Freundinnen handeln, oder? Es könnte ja die Mutter gemeint sein, die aus dem Krankenhaus zurückkommt? Zu spät. Das strahlende Gesicht der Fremden, verräterisch. In ihrem Gehirn hatte sich der Gedanke längst schon fest gebohrt, steckte dort drin wie ein Angelhaken, messerscharf, mit einem Widerhaken versehen, der sich nicht mehr ohne fremde Hilfe und größere Verletzungen entfernen ließ. Mein  Mann hat ein Verhältnis mit dieser jungen Schönen. Unentwegt wiederholte sie stumm diesen Gedanken. Drehte und wendete ihn wie eine heiße Kartoffel. Nein. Sie glaubte es einfach nicht. Und doch, sie wäre sicher nicht die erste ahnungslos hintergangene Ehefrau. „Wie es dann mit uns weitergehen soll? Wo, denkst du? Bei mir? Nein, meine Vermieterin ist eine üble Schwätzerin. Du würdest nicht unbemerkt in meine Wohnung gelangen und vor allem, da kannst du sicher sein, spätestens am Morgen würde sie dir auflauern. Das geht sie nichts an? Natürlich nicht, nein, aber sag du ihr das doch. Woher ich das weiß? Ach so, du glaubst doch nicht  …? Unverschämt? Du findest mich unverschämt? Also hör mal, bilde dir bloß nichts ein. Ich bin immerhin ungebunden, wie das so schön heißt. Und du kannst dir sicher sein, ungebunden werde ich auch bleiben. Von dir jedenfalls lasse ich mich nicht binden.“ Die junge Frau starrte wütend aus dem Fenster, vorbei an der anderen, die tat, als wäre sie völlig unbeteiligt. Entschlossen packte sie ihr Handy zurück in die Tasche, griff zerstreut nach der Zeitschrift, blätterte abwesend darin. Es war doch ein Mann, mit dem sie sich treffen wollte, heute Abend, acht Uhr, im Olympia, einem griechischen Restaurant. Sie kannte es. War oft und gerne mit ihrem Mann dort gewesen. Sie kannte auch ihren Mann, dachte sie, hatte geglaubt ihn zu kennen, bisher. Während in Sekundenschnelle Erinnerungen an vergangene glückliche Stunden jäh aufflackerten, schraubte sich der Gedanke unerbittlich immer tiefer in ihren Kopf, lautlos, schmerzvoll: Mein Mann betrügt mich. Mein Mann betrügt mich. Mein … Der Schmerz begann sich auszubreiten, überschwemmte ihren Kopf wie eine Flutwelle, trat über die Ufer, benetzte die Schläfen, verkrampfte den Nacken, spannte die Schultern. Alle Anzeichen eines nahenden Anfalls, plötzlich wieder spürbar. Hatte sie die langen Wochen umsonst im Krankenhaus zugebracht? Ein Rückfall, so schnell? Genügte ein einziger Gedanke? Verzweifelt  presste sie ihre Hände an den Kopf, drückte kräftig gegen die Schläfen, massierte den Nacken, versuchte den Schmerz weg zu pressen, den Gedanken zu ersticken. Mein Mann betrügt mich. Mein Mann betrügt mich. Mein Mann betrügt mich. Mein Mann … „Ach, du bist es wieder. Na, inzwischen beruhigt? Ich soll nicht so hart sein mit dir, ausgerechnet ich … Also, du siehst ein, dass wir uns woanders treffen sollten. In Zukunft, das hast du schön gesagt. Du meinst tatsächlich, es gibt eine Zukunft für uns? Ach, vergiss es, war nur so dahin gesagt, darüber reden wir später weiter, in Zukunft …“ Der Ärger im Gesicht der Schönen schien verflogen, Belustigung trat an seine Stelle. Die spielt mit dem. Geschieht ihm recht. Böse Gedanken tauchten auf einmal auf, ballten sich haufenweise zusammen wie düstere Wolken, die am Abend eines schwülen Sommertages ein Gewitter ankündigten. Sie wollte es ihm heimzahlen, spürte auf einmal neue, bisher ungekannte Energieströme durch ihren Körper fließen, vergaß den Kopfschmerz, sann auf Rache. Rache und Genugtuung. Wie hatte er sich  fürsorglich um sie gekümmert, sie so oft – trotz des weiten Weges – besucht, ihr Geschenke mitgebracht, sie zärtlich getröstet, wenn Rückfälle auftraten, ihr versichert, wie sehr er sie liebte, auch mit den Kopfschmerzen, von denen sie sich nie endgültig würde befreien können, so jedenfalls sagten die Ärzte. Die Häufigkeit der Anfälle könnte reduziert werden, die zeitlichen Abstände könnten vergrößert werden. Das waren die Aussichten. Damit musste sie leben. Ihre Einstellung müsste sie ändern, ihr Perfektionsstreben einschränken, ihr Harmoniebedürfnis verringern, ihr Selbstbewusstsein stärken. Das vor allem. Genau. Damit wollte sie beginnen. Gleich. Sofort. Heute Abend, acht Uhr, im Olympia. Es blieb noch ausreichend Zeit. Zeit genug, um eine dunkle Sonnenbrille zu kaufen, sich die Haare färben zu lassen, sich ein schickes Kleid zuzulegen und natürlich auch passende Schuhe. Acht Uhr. Sie würde vorher nicht mehr in ihre  Wohnung gehen können, egal. Sie musste das auch so schaffen. Ihre Einstellung ändern, gewiss. Verzicht auf Harmonie, aber natürlich. Selbstbewusstsein stärken, ganz klar. Ihr Perfektionsstreben brauchte sie allerdings noch. Vor allem heute. Aber dann, in Zukunft … Geschminkt, gefärbt, in Schale geschmissen würde sie auf die beiden zugehen, ganz lässig, (so hoffte sie,) eine elegante Handtasche im Arm. Sie würde sie öffnen, ganz langsam und das Erstaunen der beiden genießen, würde aufreizend lange in der Tasche kramen und das Geschenk hervorholen, das sie ihm zugedacht hatte … Der Zug verringerte sein Tempo, sie erkannte den heimischen Bahnsteig, schreckte auf, völlig überrumpelt von ihren düsteren Gedankengängen. „Ach, du holst mich wirklich ab? Schön. Ich bin im vorletzten Wagen. Bis gleich. Du, ich freue mich schon so!“ Die Schöne stand auf, winkte lässig aus dem Fenster und verließ das Abteil. Der Zug stand still. Gebannt starrte sie auf den Bahnsteig. Starrte unentwegt auf den Mann mittleren Alters, der beide Arme ausbreitete. Flüchtig kreuzten sich ihre Blicke. Spöttische braune Augen sahen sie an. Sie registrierte kaum die Frau, die halb verdeckt hinter ihm stand, vor Glück strahlend. Zitternd starrte sie auf das Bild in ihrer Hand. Das Gesicht darauf lächelte ihr aufmunternd zu. Graue Augen blickten sie an, während sich – von ihr unbemerkt – die junge Schöne und die wartende Frau laut lachend in die Arme fielen.

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